Ein junges Mädchen hält die Hand ihrer Mutter. Dahinter ragen die sozialistischen Arbeiterpaläste der Karl-Marx-Allee in Berlin auf, die zeitweise auch Stalinallee hieß. Ein Schnappschuss von der 1. Mai-Feier des Jahres 1956.

Der monumentale Boulevard war eines der bedeutendsten Wiederaufbauprojekte der 1949 gegründeten DDR. Mit ihm wollte sich der junge Staat auch international beweisen.

Das Diapositiv stammt aus dem Privatarchiv von Ruth Zadek. Es ist ein wichtiges Exponat der Ausstellung „Ein anderes Land. Juden in der DDR“, die vom 8. September 2023 bis zum 14. Januar 2024 im Jüdischen Museum Berlin zu sehen ist.

Alljährlich am Tag der Arbeit war die Stalinallee Aufmarschmeile für aufwendige Staatsparaden. Auch die Arbeiterstreiks, die als DDR-Aufstand von 1953 in die Geschichte eingingen, begannen auf der nach dem sowjetischen Machthaber Josef Stalin benannten Prachtstraße.

Doch nicht nur die Stadtansicht auf dem Foto markiert einen Schlüsselmoment der ostdeutschen Geschichte. Auch die kleine Familie steht für das Thema der Berliner Ausstellung.

Zeitzeugen, deren Lebensgeschichten in die Ausstellung eingeflossen sind: Renate Aris, Ruth Zadek und Martin Schreier (v.l.n.r.)Bild: Sebastian Christoph Gollnow/dpa/picture alliance

Zurück nach Deutschland? Meschugge!

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 hatten sich Ruth Zadeks jüdische Eltern, Alice und Gerhard, einer Gruppe von Widerstandskämpfern in Berlin angeschlossen; 1939 floh das Paar nach England.

Die meisten ihrer jüdischen Freunde und Verwandten, die in Deutschland ausharrten, wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Dennoch beschlossen die Zadeks, nach dem Krieg in ihr Heimatland zurückzukehren – ein Schritt, den die Freunde im Vereinigten Königreich „meschugge“, soll heißen: verrückt nannten. Mit diesem Wort sollten die Zadeks später auch ihre Memoiren überschreiben.

Angezogen von der Idee des Antifaschismus ließen sich die Zadeks in der sowjetisch besetzten Zone…