Ob der griechische Dichter Sophokles wohl geahnt hat, wie aktuell sein Theaterstück rund 2400 Jahre nach der Uraufführung noch sein würde? „Antigone“ ist die Geschichte des Tyrannen Kreon, der um jeden Preis seine Macht erhalten will. Die titelgebende Protagonistin widersetzt sich ich ihm – überzeugt, vor den Göttern das Richtige zu tun. Die Sache geht nicht gut aus: Kreon will sie lebendig begraben lassen, doch Antigone entzieht sich dem Urteil durch Selbstmord.

Antigone im 21. Jahrhundert 

Theaterautor und Regisseur Milo Rau holte Antigone nun in die Gegenwart. Der Schweizer ist bekannt für sein kritisches und radikales Werk, hat den Völkermord in Ruanda ebenso auf die Bühne gebracht wie die menschenunwürdige Situation im süditalienischen Flüchtlingslager Matera, wo er den Jesus-Film „Das neue Evangelium“ ansiedelte. Jetzt also widmet er sich der Zerstörung des Amazonas. Die indigene Schauspielerin und Aktivistin Kay Sara spielt die Hauptrolle in seiner modernen Antigone-Version – flankiert von Mitgliedern des „Movimento dos Trabalhadores Sem Terra“, der größten Landlosenbewegung der Welt. Sie kämpfen um ein Stück Land, das in Brasilien seit Urzeiten den Großgrundbesitzern gehört, und um eine gerechtere Gesellschaft.

Proben zu Antigone im Amazonas

Es geht also um Profitgier, den Raubbau an der Natur und um Vertreibung in dieser modernen Antigone, für die Rau mit seinem Team 2020 in den brasilianischen Bundesstaat Pará gereist war. Damals war Jair Bolsonaro seit einem Jahr als Präsident im Amt. Er ließ die für den Schutz der Ureinwohner zuständige Regierungsorganisation „Funai“ entmachten und setzte einen Klimawandel-Leugner an die Spitze des Umweltministeriums. Der Landlosenbewegung versprach er, sie mit „geladener Waffe“ willkommen zu heißen. Rau sah das als Blaupause für eine Neuauflage des Klassikers von Sophokles.

Kay Sara will als Schauspielerin für die Rechte der indigenen kämpfen

Eigentlich sollte die Inszenierung im April…