Wenn man sich vor 2500 Jahren dem Aphaiatempel auf der griechischen Insel Ägina näherte, stieß man zunächst auf die Skulptur eines jungen Bogenschützen. Er war in leuchtenden Farben bemalt – in der Antike ein gängiges Mittel, um Figuren möglichst lebensecht aussehen zu lassen. 

„Lasst eure Augen zum Himmel aufsteigen und seht euch die gemalten Reliefs des Giebels an“, schrieb der griechische Dramatiker Euripides um 408 v. Chr. in seinem Theaterstück „Hypsipyle“ über den Tempel.

In vielen zeitgenössischen antiken Schriften ist dokumentiert, dass marmorne Skulpturen nicht weiß belassen, sondern bunt bemalt wurden. Dennoch ist es heute schwer vorstellbar, dass die klassischen Statuen ursprünglich in allen Farben leuchteten. Dass der Mythos von den rein weißen Statuen entstand, hat viele Ursachen. Eine davon reicht zurück ins 15. Jahrhundert.

Farben waren verblasst

„Diese seltsame Vorstellung von farblosen Skulpturen stammt aus der Renaissance, als die Form über die Farbe gestellt wurde“, sagte der Archäologe Vinzenz Brinkmann 2020 in einem DW-Interview. „In Rom gab es damals eine erhöhte Bautätigkeit, eine Skulptur nach der anderen wurde gefunden. Und die hatten keine Farben mehr.“ Die bunten Farben waren in den Jahrhunderten schlichtweg verblasst – aber das wusste man damals einfach nicht.

Eindeutig war hier Farbe im Spiel – eine Nachbildung macht es noch deutlicher

Und so passten die weißen Statuen hervorragend zum Geschmack jener Zeit: eine von Gott inspirierte Schlichtheit ohne Ablenkung vom Wesentlichen durch Farbe oder schmückendes Beiwerk. Die Künstler der Renaissance gestalteten ihre Werke entsprechend und trugen so zur Entstehung des Mythos der weißen Statuen bei.

„Von Barbaren bepinselt“

Und er hielt sich hartnäckig. Wenn bei Funden deutliche Farbreste entdeckt worden seien, habe man „gezielt daran vorbei geguckt“, erklärt Brinkmann. „Häufig hieß es dann auch: Das sind spätere Zutaten von Barbaren, die an den Statuen…