Ein halbes Jahrhundert wurde nicht über eine der schlimmsten humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts gesprochen: Von 1933 bis 1934 starben in der Ukraine rund 4 Millionen Menschen an Hunger. Der sowjetische Diktator Josef Stalin und sein Regime ließen sie gezielt verhungern, da sie einen Aufstand der ukrainischen Bäuerinnen und Bauern gegen das kommunistische Regime und deren Zwangskollektivierung landwirtschaftlicher Betriebe befürchteten. Danach taten sie einfach so, als habe es die Hungersnot nie gegeben. Ergebnisse einer Volkszählung wurden vertuscht, die Volkszähler erschossen. Bis heute streitet das russische Regime jegliche Verantwortung für die Hungersnot ab.

Das bezeichnet der Historiker Gerhard Simon als den „letzten Akt des Verbrechens“: Es gab keinen Friedhof, keine Erinnerung, kein öffentliches Wort. „Niemand sprach darüber, niemand schrieb darüber.“

Sowjetische Propaganda: „Lebensmittelknappheit“ statt Hungertod

Dabei wurde über den „Holodomor“ – Ukrainisch für „Tod durch Verhungern“ – schon damals berichtet. Gareth Jones, ein britischer Journalist, reiste in den 1930er-Jahren in die Sowjetunion und die betroffenen Gebiete der Ukraine. Der im Jahr 1905 im britischen Wales geborene Jones war politischer Berater des damaligen Premierministers David Lloyd George, lernte Russisch und recherchierte mit großem Interesse in der Sowjetunion, um den Kommunismus und seine utopischen Versprechen kennenzulernen.

Seine Erkenntnisse präsentierte er im März 1933 auf einer Pressekonferenz in Berlin. Dort sprach er das erste Mal nicht von einer „Lebensmittelknappheit“, wie es die stalinistische Propaganda gerne nannte, sondern einer „Hungersnot“.

26. November 2022: Gedenken an die Opfer des Holodomor in Kiew

„Gareth Jones war der einzige westliche Journalist, der in die Gebiete der Ukraine gereist war, wo der Holodomor stattfand“, erklärt André Erlen, Mitglied des Theaterensembles „Futur3“. „Trotzdem wurde ihm nicht geglaubt und seinen Reportagen…