Darf man die WM in Katar schauen? Diese Frage entzweit das Land. Die Kritik an der WM ist an vielen Stellen richtig, aber auch wohlfeil. Zumal das moralische Podest, von dem viele über immer mehr Länder und Konflikte richten, ziemlich wackelig ist.

Ach, der Fußball. Es soll Zeiten gegeben haben, da musste das Runde nur ins Eckige. Und am Ende gewann Deutschland.

Schauen Sie die WM? Oder boykottieren Sie? Setzen Sie auch „Zeichen“? Schauen Sie vielleicht heimlich, während Sie auf Linkedin die Empörungen und Erregungen liken und kommentieren: „Danke, Wolfgang, dass Du das geschrieben und ein starkes Zeichen gesetzt hast“?

Ach, die WM 2022 in Katar.

Es ist schon erstaunlich, wie die Frage des Fußballschauens innerhalb weniger Tage eine moralische Tragweite annehmen konnte, die andere, viel komplexere ethische Verwerfungen in den Schatten stellt. Zumal sich die Lager vor allem in den sozialen Medien schon erbittert und unversöhnlich gegenüberstanden, bevor sich die Nationalmannschaft in Katar überhaupt ordentlich blamieren konnte. Manche Unternehmen, die „Office Viewing“ anbieten, ernten sogar Shitstorms und Proteste von Mitarbeitern (der Rest macht „Homeoffice“ und schaut heimlich).

Die Empörung kommt reichlich spät

Was ist die Kernthese der beiden Lager?

Eine WM in einem despotischen Wüstenstaat, der Menschenrechte nicht achtet, darf man nicht schauen, sagen die einen. Welch Doppelmoral, sagen die anderen. Die Empörung kommt reichlich spät. Im Übrigen: Die Hand, in die wir spucken, soll uns doch das Futter liefern, das Putin uns verwehrt.

Ich gehöre zu denen, die die WM schauen, ohne sich zu schämen, aber ohne recht in Stimmung zu sein. Das aber liegt an der Jahreszeit, die nicht gerade zum Public Viewing in Biergärten einlädt. Mein System fährt gerade…