Für den deutschen Literaturkritiker Denis Scheck war die 82-jährige Französin Annie Ernaux eine der europäischen Favoritinnen: „Sie ist der Leitstern für ganz viele Autoren, weil sie die Urmutter der Autofiktion ist“, so Scheck gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die Schriftstellerin setze sich mit Klassenschranken und somit auch mit hochpolitischen Fragen auseinander – aber eben nicht denjenigen, von denen man auf Seite eins einer Tageszeitung lese.

In alle Richtungen wurde im Vorfeld des Literaturnobelpreises spekuliert: Bekommt der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie den Preis, der kürzlich während eines Vortrags in den USA durch eine Messerattacke lebensgefährlich verletzt wurde? Oder geht er an eine Autorin oder einen Autor aus der Ukraine? Wird der Preis Margaret Atwood verliehen, der kanadischen Schriftstellerin, die in ihren Romanen, Kurzgeschichten und Essays immer wieder höchst erfolgreich gesellschaftlich relevante Themen verarbeitet? Oder Haruki Murakami, dem japanischen Meister der Beobachtung?

Auch die Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie oder der Kenianer Ngugi wa Thiong’o gehören zu den großen Stimmen der Weltliteratur, deren Werke in viele Sprachen übersetzt werden.

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine beschäftigt in diesem Jahr die ganze Welt – auch die Schwedische Akademie. Die altehrwürdige Institution äußert sich in der Regel nicht zu politischen Themen, hat aber den russischen Einmarsch in die Ukraine schon früh aufs Schärfste verurteilt. Russlands Vorgehen gehe über die Politik hinaus und bedrohe die Weltordnung, die auf Frieden, Freiheit und Demokratie aufbaue, schrieb die Akademie Anfang März in einer Erklärung. Denis Scheck sagte dazu gegenüber der dpa, er hoffe doch sehr, dass man einen Friedensnobelpreis in die Ukraine schicke. „Aber den Literaturnobelpreis möchte ich nicht so politisiert sehen.“ Er solle nach ästhetischen Kriterien vergeben werden – nicht nach politischen.

Kontroversen und…