Golgotha: der Ort, an dem Jesus gekreuzigt wurde, Ort des Todes und der Erlösung. Für den brasilianischen Fotografen Ian Cheibub ist sein gleichnamiges Fotoprojekt eine Metapher und zugleich eine Liebeserklärung an sein Land. Mit seiner Kamera porträtiert er die evangelikale Welt Brasiliens – von der Favela in Rio bis zur indigenen Siedlung im Amazonas.

Cheibub zeigt, wie die Gläubigen das Evangelium „brasilianisieren“. Aus der von US-amerikanischen Missionaren gepredigten Variante des Christentums ist eine eigene brasilianische Glaubensrichtung geworden, die sich deutlich von der katholischen Kirche abgrenzt.

Hypnotische Mischung

„Es gibt nicht ‚die Evangelikalen'“, sagt der Fotograf im DW-Gespräch. „Wir reden hier von fast 70 Millionen Menschen, das sind 31 Prozent der brasilianischen Bevölkerung.“ Umfragen zufolge soll die Bevölkerung im bisher größten katholischen Land der Welt bis 2030 mehrheitlich evangelikal sein.

Der preisgekrönte brasilianische Fotograf Ian Cheibub tauchte für sein Projekt „Golgotha“ tief in die Welt der Evangelikalen ein

Die brasilianische Pastorin Norma gehört zu den Millionen von Brasilianerinnen, die ihren Glauben gewechselt haben. 30 Jahre lang war sie Priesterin in einem Tempel für Candomblé-Kulte in einer Favela in Rio de Janeiro. Schon ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter beteten zu den afrobrasilianischen Göttern, genannt Orixás.

Irgendwann ließ Norma die Orixás hinter sich, konvertierte und eröffnete eine Kirche in ihrem Haus. „Sie kann alle Instrumente spielen“, sagt Ian Cheibub. „Sie bringt ihrer fünfjährigen Enkelin bei, auf der kleinen Pandeiro-Trommel zu spielen und so Gott zu preisen.“

Während Cheibub von der Musik erzählt, gleiten seine Finger rhythmisch über die Saiten einer imaginären Gitarre und seine Stimme erhebt sich zum Gesang. „Evangelikale Musik ist eine hypnotische Mischung aus traditionellen brasilianischen Rhythmen wie Forró und Samba“, erklärt er.

Erst Candomblé-Priesterin, jetzt…