Als am 26. September 1988 Salman Rushdies vierter Roman „Die satanischen Verse“ in der englischsprachigen Erstausgabe erscheint, kann der Schriftsteller noch nicht ahnen, dass dieses Buch sein Leben grundlegend verändern wird. Nun, 34 Jahre später, laden zahlreiche Festivals und Literaturverbände zu Solidaritätslesungen ein – nicht aufgrund des unrunden Jubiläums, sondern wegen eines Attentats, mit dem kaum noch jemand gerechnet hat, mehr als 30 Jahre nach dem Mordaufruf des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Chomeini vom 14. Februar 1989.

„Die satanischen Verse“ erscheinen zuerst in Großbritannien, anschließend in den USA, Italien, Frankreich. Bald protestieren wütende Muslime gegen den Roman und seinen Autor, Südafrika, Indien und Pakistan stoppen den Import des Buchs, bei Demonstrationen kommen Menschen ums Leben. Auch in London, wo der Schriftsteller damals lebt, gibt es gewaltsame Proteste, Brandanschläge und Drohungen gegen Buchläden, die den Roman verkaufen.

Rushdies Geschichte handelt von zwei indischen Schauspielern, die einen Flugzeugabsturz überleben. Der eine wird zum Erzengel, der andere ähnelt dem Teufel. Der Titel des Romans bezieht sich auf zwei Verse, die dem Propheten Mohammed von Satan eingeflüstert und deshalb aus dem Koran getilgt worden sein sollen.

Tatsächlich ist Rushdies Roman keine Islamkritik, sondern eine Erzählung über Postkolonialismus und Migration. Rushdie sagt später, er habe den Islam nie beleidigen wollen. Das hätte er in fünf Minuten erledigen können, statt dafür fünf Jahre an einem Buch zu arbeiten.

Fast ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des Romans ruft Chomeini mit einem islamischen Rechtsgutachten, einer Fatwa, alle Muslime zur Tötung des britisch-indischen Schriftstellers auf – wegen angeblicher Gotteslästerung. Rushdie taucht sofort unter, lebt neun Jahre versteckt und unterPersonenschutz.

Kunstfreiheit trotz Lebensgefahr?

Den Todesaufruf richtet Chomeini nicht nur gegen Rushdie,…