Auf der Straße, am Arbeitsplatz, in den eigenen vier Wänden – die russischen Männer sind nirgendwo vor der Mobilmachung sicher. Und es zeigt sich: Es kann jeden Treffen. Für die Regierung gilt kein Gesetz. 

Am 21. September hat eine neue Etappe in Moskaus Krieg gegen die Ukraine begonnen. Bis dahin haben Freiwillige den Kampf Wladimir Putins ausgetragen, ob als Vertragssoldaten oder bezahlte Söldner. Bis dahin hat die russische Bevölkerung ihren Tribut an den Kreml in der Form des Schwunds ihres marginalen Wohlstands und der chancenlosen Zukunft ihrer Kinder entrichtet. Der 21. September hat alles verändert. Der Staat verlangt von seinen Bürgern nun eine andere Opfergabe: ihr Leben.

Seit der Stalin-Ära hat es derartiges nicht gegeben. Wenige Stunden nachdem Wladimir Putin seine Entscheidung verkündet hatte, rollte bereits die Welle der Mobilmachung über Russland – und stürzte das Land in Panik. Denn es wird schnell klar: Die von Putin versprochene „Teilmobilisierung“ ist nur ein leeres Wort, der die Wahrheit hinter einem Euphemismus verstecken soll: Mobilisiert werden alle, derer sich das System habhaft werden kann. 

Und dieses Opfer, was nun von ihnen verlangt wird, sind viele Russen nicht bereit zu erbringen. Wer kann, verlässt das Land. An den Grenzen zu den russischen Nachbarstaaten wie Kasachstan, Mongolei oder Georgien stauen sich die Wagen in kilometerlangen Schlangen. Flüge in Länder, die kleine Visa verlangen, sind so gut wie nicht mehr zu bekommen. Es sind vor allem Männer, die Russland verlassen.

Denn die Mobilisierungs-Maschine macht vor niemandem halt. Unzählige Geschichten über die Mobilisierung von Personen, die laut Putins Beteuerungen nicht eingezogen werden dürfen, machen die Runde. In der Stadt Asbest wurde etwa der 59-jährige Chirurg Wiktor Djatschka eingezogen. Der Arzt hat zwar den Rang eines Oberleutnants des…