Schmähplastik
Wird «Judensau» von Kirche verbannt? BGH entscheidet

Die Sau säugt zwei Juden, ein anderer guckt ihr in den Hintern: Das Sandsteinrelief an der Wittenberger Stadtkirche ist nur eines von Dutzenden solcher Darstellungen. Nun urteilt der BGH in dem Fall.

Der Bundesgerichtshof (BGH) entscheidet am Dienstag (10.00 Uhr), ob eine als «Judensau» bezeichnete Schmähplastik an der Stadtkirche Wittenberg in Sachsen-Anhalt entfernt werden muss. Das fordert ein jüdischer Kläger seit Jahren, war jedoch bislang vor Gerichten gescheitert.

Denn das antijüdische Sandsteinrelief aus dem 13. Jahrhundert ist inzwischen um eine Bodenplatte und einen Aufsteller ergänzt, die die Darstellung einordnen sollen. Ob das ausreicht, müssen die obersten deutschen Zivilrichter und -richterinnen in Karlsruhe abwägen. (Az. VI ZR 172/20)

Das Relief zeigt eine Sau, an deren Zitzen zwei Menschen saugen, die durch Spitzhüte als Juden identifiziert werden sollen. Eine laut BGH als Rabbiner geltende Figur hebt den Schwanz des Tiers und blickt ihm in den After. Schweine gelten im jüdischen Glauben als unrein.

«Schwieriges Erbe»

Die Stadtkirchengemeinde bezeichnet die «Wittenberger Sau» als «ein schwieriges Erbe, aber ebenso Dokument der Zeitgeschichte». Der Vorsitzende Richter des sechsten Zivilsenats am BGH, Stephan Seiters, hatte bei der mündlichen Verhandlung vor zwei Wochen gesagt, das Relief für sich betrachtet sei «in Stein gemeißelter Antisemitismus».

Kläger Dietrich Düllmann, der nach eigenen Angaben 1978 zum Judentum konvertiert ist und sich seither Michael nennt, sieht in der «Judensau» nur ein Beispiel für viele Verfehlungen der Kirche im Umgang mit Juden. Insbesondere den Reformator Martin Luther (1483-1546), der einst in eben jener Kirche in Wittenberg predigte, bezeichnet Düllmann als…