Die Deutschen sind in der Welt für ihre Wanderlust bekannt. Und damit hat auch eines der schönsten wöchentlichen Rituale zu tun, das die deutsche Kultur zu bieten hat: der Sonntagsspaziergang im Kreise seiner Liebsten, abgerundet von Kaffee und Kuchen.

Auch nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie war er eine gute Möglichkeit, der Enge der heimischen vier Wände zu entfliehen, ohne sich dabei allzu vielen Viren auszusetzen. 

Sonntagsspaziergang statt „Sunday roast“

Aus meiner Kindheit in den USA kannte ich es sonntags weniger gemächlich. Dort ging es eher deftig zu: Das Wochenende wurde mit einem „Sunday roast“, der amerikanischen Variante des Sonntagsbratens, und einem Fußballspiel im Fernsehen beendet. Für mich war das nichts, und ich zog mich lieber mit einem guten Buch zurück.

Ab und zu machten wir mit der Familie, vor allem im Herbst, einen Spaziergang im Wald. Oder aber ich zog alleine los und ging eine Runde um den Block. Einmal wurde ich mit einer Freundin während eines Spaziergangs von einem heftigen Sommerregen überrascht. Dieses Naturereignis ist mir unvergesslich geblieben. Ein kleiner, verschwommener Splitter auf einer langen Zeitachse.

Sprung über den Atlantik

Szenenwechsel: Nachdem ich die Uni in den USA abgeschlossen hatte, zog ich nach Deutschland, nach Köln, um. Dort wurde ich in dieses wundervolle Ritual der Sonntagsspaziergänge und des anschließenden Kuchenessens eingeführt. Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie lief der Sonntag für mich immer ähnlich ab: Morgens lange ausschlafen und lesen (es sei denn man hat kleine Kinder), es folgte ein ausgedehntes Frühstück, zur Messe gehen (oder auch nicht). Mittags gemeinsam essen im Kreis der Familie, um dann am Nachmittag zu einem ausgedehnten Spaziergang aufzubrechen. Im Schlepptau: Familienmitglieder, Freunde und alle, die es werden wollten. Man erzählte sich gegenseitig aus dem Leben, genoss Luft und Landschaft und freute sich über das wallende Blut in den Adern.

DW-Redakteurin Louisa…