„Es hat wieder alle gepackt“, verkündete Spielleiter Christian Stückl, bevor sich am 14. Mai der Vorhang zur diesjährigen Premiere hebt. Längst grassiere im bayerischen Oberammergau wieder das Passionsfieber, sagt Stückl. Bis zum 2. Oktober klettern die Oberammergauer nun fast täglich auf die riesige Freilichtbühne und erzählen singend, musizierend und schauspielernd die Geschichte von Jesus Christus, seinem Leben und Sterben und der Auferstehung.

Selbst das Coronavirus hat die – ursprünglich für 2020 geplanten – 42. Passionsspiele nicht aufhalten können, mit denen die Oberammergauer bis heute ein altes Gelübde von 1633 erfüllen. Während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) waren 84 Menschen aus dem kleinen Ort an der Pest gestorben.

Darauf gelobten die Dorfbewohner, alle zehn Jahre die Leidensgeschichte Jesu aufzuführen, auf dass Gott der Krankheit ein Ende bereite. Anders als heute gab es im Mittelalter keine Impfstoffe, Masken und Abstandsgebote. Die Menschen hatte einzig ihre Gebete.

Passionsspiel ist Kulturerbe

Noch heute wirkt etwa die Hälfte der Einwohner als Laiendarsteller, im Chor oder im Orchester mit. Die fünfstündige Aufführung beginnt nachmittags mit dem Einzug in Jerusalem und erzählt die Passionsgeschichte über das Abendmahl bis hin zur Kreuzigung. Sie endet in den Abendstunden mit der Auferstehung. Vom 14. Mai bis 2. Oktober gibt es 103 Vorstellungen. Nur montags und mittwochs ist spielfrei.

Jesus am Kreuzweg – Szene bei den Passionsspielen im bayerischen Oberammergau

Die Spielleitung hat zum vierten Mal in Folge Christian Stückl übernommen. Für das Bühnenbild zeichnet Stefan Hageneier verantwortlich, für die Musik Markus Zwink. Manches Ritual des Theaterspektakels wirkt aus der Zeit gefallen: Alle Männer, außer jenen, die einen Römer verkörpern, lassen verpflichtend von Aschermittwoch des Vorjahres an ihre Haare und Bärte wachsen, um beim Spiel echter zu wirken. Jeder der rund 5400 Einwohner darf mitspielen – die…