Was haben eine niederländische Jazzlegende und ein junges A-Capella-Ensemble aus Estland gemeinsam? Ganz sicher die Qualität und Vielfalt ihrer Musik, wie Intendant Peter Materna gleich zum Auftakt versprach. Die genialen Improvisationen des einen und der Gänsehauteffekt der anderen – diesen inspirierenden Mix habe er bei der Künstlerauswahl im Sinn gehabt. Und genau dafür steht das von Materna geprägte Bonner Jazzfest, das zuletzt wegen Corona zweimal pausieren musste.

Als Solist gibt Jasper van’t Hof den fliegenden Holländer: In irrwitzigem Tempo preschen seine Hände über die Tasten von Klavier und Synthesizer. Schnelle, melodische Läufe gehen bald über in ziselierte Improvisation. Unverhoffte Brechungen öffnen Klangräume. Spätestens im zweiten Stück, als er ein verstörendes Synthesizer-Inferno entfesselt, gibt Jasper van’t Hof sein Markenzeichen preis: Exzentrik, gepaart mit Humor.

Legendärer Ruf von Jasper van’t Hof

„Improvisieren, zusammenspielen, einander zuhören und antworten“, bekennt er im DW-Gespräch, „das ist Jazz! Dafür bin ich Jazzmusiker geworden.“ Der Vater war Jazztrompeter, die Mutter klassische Sängerin. Schon als Fünfjähriger bekommt Jasper van’t Hof Klavierunterricht. Mit der Jazzrock-Band „Association P.C.“ gelingt ihm Anfang der 1970er-Jahre der internationale Durchbruch. Bald darauf gründet er die Band „Pork Pie“, Mitte der 1980er dann das Projekt „Pili Pili“, das europäischen Jazz mit afrikanischer Musik verbindet. Sein Ruhm aus dieser Ära hallt noch heute nach, wenn Jasper van’t Hof, wie in Bonn, alleine auftritt.

A Capella beim Jazzfest Bonn 2022: Die Estonian Voices

Zwar spielen van’t Hofs Hände. Aber noch mehr spiegeln die Gesichtszüge des 74-Jährigen Rhythmus, Melodie und Ausdruck seiner Musik wider. Mal laut, mal leise, mal zaghaft tastend, dann wieder schwer schleppend oder im harten Stakkato formt er die Töne, während er mit hochrotem Kopf mitsingt. Manchmal sitzt er auch nur da wie ein kleiner Junge, blickt…