05.05.2022, 16:41
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Eingesperrt im Dunklen, kaum Nahrung und ständige Todesangst: So erging es mehr als Hundert Menschen, die in einem Stahlwerk in Mariupol über Wochen festsaßen. Nun sind einige frei und berichten von den traumatischen Erlebnissen.

Lange Zeit wusste die Welt nicht, was im Stahlwerk Azovstal in Mariupol vor sich ging. Als die russischen Truppen ihre Angriffe auf die ukrainische Hafenstadt verschärften, hatten dort Hunderte Menschen Zuflucht gesucht. Mehrere Wochen lang harrten sie in den Tunneln unter dem Fabrikgelände aus – ohne zu wissen, wann und ob sie jemals wieder Tageslicht sehen würden.

Eine von ihnen war die 47-jährige Anna Krylova. Als Russlands Präsident Wladimir Putin am 24. Februar den Einmarschbefehl erteilte, arbeitete sie gerade in der Nachtschicht im Stahlwerk. Ihre 14-jährige Tochter Maiia war mitgekommen, da niemand Zuhause auf sie aufpassen konnte. „Wir haben diese Anlage die nächsten 70 Tage nicht verlassen“, berichtet Krylova. „Als die Bombardierung schlimmer wurde, zogen wir tiefer in den Untergrund.“

Am Dienstag hatte der Horror für Krylova und ihre Tochter ein Ende. Den ukrainischen Rettungskräften gelang es rund Hundert Frauen, Männer und Kinder sicher zu evakuieren und mit Bussen und Krankenwagen in die rund 230 Kilometer entfernte Stadt Saporischschja zu bringen.

„Es war wirklich beängstigend, weil wir nicht nach draußen gehen konnten“, erzählt Krylova Reportern von „NPR“ nach ihrer Befreiung. „Es war einfach zu gefährlich. Und drinnen sind wir von Unterschlupf zu Unterschlupf gegangen, weil die Bomben immer wieder einschlugen. Wir hatten Hunger, wir hatten Angst, wir waren unter ständigem Beschuss.“ Die vergangenen Wochen seien „wie die Apokalypse, wie ein Horrorfilm“ gewesen. Ihre Tochter Maiia sagt: „Jeder Tag fühlte sich an, als wäre es der letzte unseres Lebens.“