Jahrelang stand der russische Starregisseur Kirill Serebrennikov in Moskau unter Hausarrest, danach hatte er Reiseverbot. Keiner hatte damit gerechnet, dass der Theatermacher, der wegen angeblicher Veruntreuung staatlicher Gelder verurteilt wurde, Russland je wird verlassen können. Am Samstag (22.01.2022) nun feiert Serebrennikovs Inszenierung von Anton Tschechows „Der Schwarze Mönch“ Premiere am Thalia-Theater in Hamburg – und der Regisseur ist dabei.

DW: Kirill, alle wollen wissen, wie Sie nach Deutschland kommen konnten. Was ist geschehen? Einer meiner Kollegen fragte: „Was ist denn da los bei euch in der ’neuen Sowjetunion‘, dass man die Leute rauslässt?“

Kirill Serebrennikov: Diese Frage wird so oft gestellt, dabei habe ich keine klare Antwort darauf. Nach dem Antrag des Anwalts wurde eine Reiseerlaubnis für die Arbeit in Hamburg erteilt. Danach muss ich zurück und mich erneut anmelden. Ich bin glücklich über diese Möglichkeit.

Serebrennikov und sein Ensemble bei der Arbeit am „Schwarzen Mönch“

Zum ersten Mal seit vier Jahren sind Sie wieder im westlichen Teil Europas. Wie fühlt sich das an nach einer so langen Pause? Wie ist die Atmosphäre am Thalia-Theater?

Ich habe all die Jahre gearbeitet in Russland, und zwar recht intensiv – manchmal virtuell, manchmal „in Person“. Bei diesem Projekt in Hamburg arbeiten Künstler aus verschiedenen Ländern zusammen: ein Russe, ein Amerikaner, Deutsche, ein Lette, ein Litauer, es gibt einen wunderbaren Tänzer aus Südostasien. Es ist ein bisschen wie die Arche Noah. Das scheint mir sehr wichtig – gerade in einer Zeit, in der alles zur Hölle geht, in der die Covid-Mauern immer höher wachsen.

„Mit Groll kann man nicht leben“

Ihnen wurde Veruntreuung staatlicher Gelder vorgeworfen. Zahlreiche Beobachter und Sie selbst nannten die Vorwürfe „lächerlich“, der Ihnen gemachte Prozess war streckenweise an Absurdität nicht zu übertreffen. Sie verbrachten anderthalb Jahre unter Hausarrest und kamen mit einer üppigen…