Biphasischer Schlaf
Jahrhundertelang schliefen die Menschen in zwei Phasen – und standen mitten in der Nacht auf

Unter einer gelungenen Nachtruhe verstanden die Menschen lange etwas anderes als wir

© Ridofranz / Getty Images

von Eugen Epp
18.01.2022, 15:41 Uhr

Durchschlafen ist eine moderne Erfindung: Viele Jahrhunderte lang gingen die Menschen schlafen, um mitten in der Nacht aufzustehen – und sich dann wieder hinzulegen.

Wer heute mitten in der Nacht aufwacht, verfällt schnell in Panik. Schnell geht der Blick zur Uhr, das Kopfrechnen geht los: Wie viele Stunden Schlaf bleiben noch, bis der Wecker klingelt? Je weiter sich das Einschlafen hinauszögert, desto unruhiger wird man. Einerseits ist diese Sorge berechtigt: Die meisten unserer Tage beginnen zu festen Uhrzeiten, der Schlaf ist also begrenzt. Andererseits aber sind Wachphasen in der Nacht etwas völlig Natürliches: Jahrhundertelang war es für die Menschen sehr ungewöhnlich, nachts durchzuschlafen.

Diese Entdeckung hat vor einigen Jahren der US-amerikanische Sozialhistoriker Robert Ekirch gemacht. 2001 veröffentlichte er einen Aufsatz, in dem er seine Recherchen zu Schlafgewohnheiten vor der Industralisierung zusammenfasste. Das zentrale Ergebnis: Die Menschen im Mittelalter, aber auch teils schon weit davor, praktizierten einen „biphasischen Schlaf“. Das heißt, dass sie zwischen zwei Schlafphasen mitten in der Nacht stundenlang wach waren.

Im Mittelalter wachten die Menschen mitten in der Nacht auf

Anhand von historischen Aufzeichnungen konnte Ekirch beschreiben, wie diese Schlafgewohnheiten grob aussahen. Demnach gingen die meisten Menschen etwa gegen 21 Uhr ins Bett (auch wenn sich der größte Teil der Bevölkerung kein solches leisten konnte) und wachte nach einigen Stunden – etwa um Mitternacht – wieder auf. Dann folgte eine längere Wachphase, die für alle möglichen…