London, Paris, aber auch Hamburg und München: In Europas Städten explodieren die Mieten. In Wien hat man schon vor fast hundert Jahren einen stadtbaulichen Weg eingeschlagen, der bis heute die Mieten bezahlbar hält. Ein Vorbild für deutsche Großstädte?

Es müssen chaotische Zeiten in Wien gewesen sein: Schon vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs platzte die Stadt aus allen Nähten, Mietwohnungen wurden dringend gebraucht. Nach dem Ende des Kriegs kehrten viele Soldaten in die Stadt zurück, Familien aus dem Habsburger Reich zog es nach Wien. Weil es zu wenig Wohnungen gab, bauten sich manche Neuankömmlinge Hütten an den äußeren Stadtgrenzen. Obdachlose gehörten zum Stadtbild. 

Immerhin: Das Mieterschutzgesetz von 1917 sorgte dafür, dass die Mieten auf Vorkriegsniveau eingefroren wurden. Robert Danneberg, einer der Mitbegründer der sozialen Wohnungspolitik in Wien, soll 1921 dazu gesagt haben: „Die Hausherren wären die ärgsten Kriegsgewinner gewesen, wenn nicht ein staatliches Machtwort ihrem Treiben Einhalt geboten hätte. Dass der Krieger da draußen im Felde für das Vaterland seine geraden Glieder oder gar das Leben einbüsst, und indessen daheim sein Weib und seine Kinder vom Hausbesitzer auf die Straße gesetzt werde, wäre vor allem vom Standpunkt der Kriegsführung aus unerträglich gewesen. Die Mieterschutzverordnung, welche die Bevölkerung vor willkürlicher Kündigung und Zinssteigerung schützt, war eine Selbstverständlichkeit.“

Dannenberg, 1942 in Auschwitz ermordet, war Mitdenker des „Roten Wiens“, einer Epoche zwischen 1918 und 1934, in der die Sozialdemokraten in Wien regierten und einen Kurs in der Wohnungsbaupolitik einschlugen, der bis heute Auswirkungen hat.

Der Karl-Marx-Hof zählt zu den bekanntesten Gemeindebauten in Wien.

© Willfried Gredler-Oxenbauer/ / Picture Alliance

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