von Ellen Ivits
13.01.2022, 16:43 Uhr

Über drei Jahrzehnte hat Kassym-Schomart Tokajew treu dem Langzeitherrscher Kasachstans gedient. Doch nun deuten alle Zeichen darauf, dass er die Proteste im Land dazu genutzt hat, seinen Gönner zu entmachten. 

Was mit Protesten gegen gestiegene Gaspreise begann, endete keine zwei Wochen später in der Entmachtung eines Diktators, der über 30 Jahre lang Kasachstan fest in seinen autoritären Händen hielt. So zumindest der Anschein, der von der neuen offiziellen Führung des Landes erweckt wird. Die Lage in dem neuntgrößten Land der Welt bleibt weiter nicht eindeutig. Informationen dringen nur sporadisch nach außen. Das Internet wird vielerorts blockiert. Einreisen aus dem Ausland sind gestoppt. Ob spontane Proteste von den konkurrierenden Clans vereinnahmt wurden, um einen Machtkampf innerhalb der Elite auszutragen oder gar alles von Anfang an inszeniert war, muss sich noch klären. 

Doch das Puzzle, das sich nach und nach zusammensetzt, zeichnet ein Bild, das kasachischer Folklore entspringen könnte: Ein Diener, der all zu lange im Schatten seines Herren schmachtet, sieht seinen alternden Gönner schwächeln und begeht lieber Verrat, als mit ihm zusammen unterzugehen. 

Kassym-Schomart Tokajew war Jahrzehnte lang dem Langzeitherrscher Nursultan Nasarbajew treu ergeben. Der ehemalige Diplomat hat fast seine gesamte politische Karriere der Gönnerschaft Nasarbajews zu verdanken. Letzterer hatte sich noch zu Sowjetzeiten vom Fabrikarbeiter zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei hochgearbeitet und sich später zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannt. Unter ihm wurde Tokajew erst stellvertretender Außenminister, später Premierminister – und 2019 schließlich Präsident. 

Bis zu seinem Lebensende wollte Nasarbajew am Ende doch nicht in diesem Amt bleiben und erhob seinen treuen Diener in diesen…