„Vernichten“ ist der Titel des neuen Romans von Michel Houellebecq – „Anéantir“ im Französischen. Das passt gut: „s’anéantir“ bedeutet „sich selbst vernichten“, auch „verschwinden“. Der französische Starautor erzählt in seinem jüngsten Roman von einer verschwindenden europäischen Gesellschaft, deren letztes Aufbäumen wir seit einem Jahrzehnt im Erstarken rechtspopulistischer und rechtskonservativer Parteien erleben.

Die Handlung spielt über weite Strecken im französischen Präsidentschaftswahlkampf 2027. Im Wirtschaftsministerium arbeitet man daran, dem Wirtschafts-, Finanz- und Haushaltsminister Bruno Juge zum Präsidentenamt zu verhelfen. Paul Raison, die eigentliche Hauptfigur des Romans, unterstützt die Bemühungen tatkräftig, während er die eingeschlafene Beziehung zu seiner Frau Prudence wieder aufleben lässt. Bis eine Krankheit sein Leben umwirft. Ein bisschen Spionagethriller ist auch noch mit dabei; an Spannung mangelt es Houellebecqs Romanen nie. Da ist „Vernichten“ keine Ausnahme.

624 Seiten stark ist der neue Houellebecq-Roman

Spätestens seit seinem Bestseller „Unterwerfung“ ist Michel Houellebecq berühmt als provokanter politischer Autor, der mit seinen Romanen das Zeitgeschehen analysiert. 

Auch „Vernichten“ ist das Porträt einer Epoche, die im Verschwinden begriffen ist – einer Epoche, in der Männer die unangefochtene Deutungshoheit über das Leben und die Gesellschaft innehatten.

Da denkt ein Mann in „Vernichten“ weit über eine Seite lang über die Entscheidung seiner unfruchtbaren weißen Schwägerin nach, durch künstliche Befruchtung ein schwarzes Kind zu bekommen. Dass er das unmöglich findet, überrascht kaum; dass er sich dann die Fantasie zurechtlegt, sie habe das möglicherweise nur getan, um ihren ebenfalls weißen Ehemann (seinen Bruder) zu demütigen, ist ein Beispiel für Houellebecqs Darstellung von dem, was zurzeit unter „toxischer Maskulinität“ geführt wird: Männer, die Frauen als Feind betrachten, die Ehe als…