Die belarussische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat Belarus vor mehr als einem Jahr verlassen. Sie dachte, nur für einige Monate. Doch die Realität sieht anders aus. Heute lebt sie in Berlin, wo sie an einem neuen Buch über die Ereignisse nach den international umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2020 in Belarus arbeitet.

Deutsche Welle: Frau Alexijewitsch, was haben Sie von den Präsidentschaftswahlen am 9. August 2020 in Belarus erwartet?

Swetlana Alexijewitsch: Ich war absolut skeptisch. Doch ich hielt es für meine Pflicht, wählen zu gehen, obwohl klar war, dass dies völlig sinnlos ist. Ich persönlich, das muss ich ehrlich gestehen, hatte nicht an mein Volk geglaubt. Mir schien es, die Leute würden nicht auf die Straße gehen und wir würden so weiterleben, als wäre die Zeit stehengeblieben. Als nach drei Tagen der Schläge und Demütigungen, nach Blendgranaten und Gummigeschossen, die aus zehn Metern Entfernung wie Gewehrkugeln einschlagen, als nach drei Tagen, die die ganze Welt erschütterten, Frauen auf die Straße gingen, gefolgt von Hunderttausenden Menschen, da war ich überwältigt. Wir waren alle begeistert.

Was hat Sie damals am meisten erstaunt und überwältigt?

Hunderte Festgenommene befanden sich im Gefängnis in der Okrestina-Straße in Minsk. Es war zu hören, wie sie geschlagen wurden. Doch deren Eltern saßen vor den Mauern und taten nichts. Ich glaube, Georgier hätten dieses Gefängnis Stein für Stein auseinandergenommen. Aber unsere Leute haben einfach nur auf ihre Kinder gewartet.

Überwältigend war, dass so viele junge Leute, über die wir alle gerne gemeckert hatten, an den Protesten teilnahmen. Auch die ältere Generation sorgte für Erstaunen. Diese Ereignisse hatten so viel mit Menschenwürde zu tun, und davon möchte ich in einem Buch erzählen. Ich sammele Bekundungen unserer Würde. Das ist für uns alle wichtig, gerade jetzt, wo wir in den Händen von Militärs sind und die Zivilgesellschaft…