„Ich bitte um Erlaubnis, ein Telegramm abzuschicken. Im Moment meiner Festnahme befanden sich zwei Kinder, zwei und vier Jahre alt, in meiner Wohnung!“ Die Zeilen des Antrags sind in einer schönen, geschwungenen Handschrift geschrieben. Die Antwort des Gefängnisdirektors ist kurz und knapp: „Abgelehnt!“

Dieses Telegramm ist nur eines von über tausend Dokumenten, die von der russischen Stiftung und Menschrechtsorganisation Memorial International gesammelt wurden. Etwa zweihundert – darunter geflickte Kleider, selbstgebastelte Dinge des Alltags, wie eine Nagelfeile aus einer Keramikscherbe oder eine Nadel aus einer Fischgräte, zum Teil nie verschickte Briefe und Zeichnungen – hat die Stiftung für die Ausstellung „Material. Das weibliches Gedächtnis des GULAGs“ im Kellergeschoß der Moskauer Memorial-Zentrale zusammengetragen.

Dieses Kleid diente seiner Eigentümerin, einer 30-jährigen Kunsthistorikerin, über ein Jahr lang als einziges Kleidungsstück. Sie zog es nur zu Verhören an

Seit 33 Jahren setzt sich Russlands älteste Menschenrechtsorganisation, dessen Mitbegründer der Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow war, für die Erinnerung an die Opfer der Stalin-Zeit ein und versucht diese Zeit der Unterdrückung aufzuarbeiten: Über 12 Millionen Menschen wurden Ende der 1920er-Jahre bis zu Stalins Tod 1953 als „Volksfeinde“ verfolgt. Oft reichten eine „falsche“ Nationalität, ein westlich klingender Name oder ein höherer Bildungsstand, um verhaftet oder hingerichtet zu werden oder um für viele Jahre, sogar Jahrzehnte im Lager, dem sogenannten GULAG, zu verschwinden.

„Das Gedächtnis des GULAGS ist weiblich“

Viele der Opfer waren Frauen. „Nur wenige waren tatsächlich gegen die Sowjetmacht“, sagt Irina Scherbakowa, Historikerin und Kuratorin der Ausstellung. „Mehrheitlich waren es ganz normale Städterinnen, wie Sie und ich – Lehrerinnen, Beamtinnen, Hausfrauen. Oft bestand die einzige Schuld der Frauen darin, Ehefrau, Tochter oder Schwester eines…