Eine Phalanx aus Bildschirmen zeigt den kahlköpfigen Opernsänger Rinde Eckert, wie er sich um die eigene Achse dreht. Dabei wiederholt er seinen aggressiv klingenden Sprechgesang: „Feed me / Eat me / Anthropology“ und „Help me / Hurt me / Sociology“ in übereinanderliegenden Tonspuren. Als Bruce Nauman seine Videoarbeit „Anthro/Socio. Rinde Spinning“ 1992 auf der documenta IX in Kassel vorstellt, ist die Kunstwelt elektrisiert von seiner intensiven Bildsprache.

Das Schauspiel fesselt, weil es direkt ins Hirn geht. Genau das ist die Spezialität Naumans. Seit 50 Jahren pflanzt der US-Künstler seine Kunst in unsere Köpfe, zwingt zum Nachspüren und vor allem Nachdenken. Dabei kreisen seine Werke – ob als Installation, Plastik, Fotografie, Neonskulptur, Videoaufnahme oder Zeichnung – um Fragen der menschlichen Sinneswahrnehmung.

Naumans Thema ist der Mensch

Seit jeher setzt Nauman die verschiedensten Techniken ein. Ein Medienfreak ist der US-Künstler, der jetzt 80 Jahre alt geworden ist, eigentlich schon immer. „Sein Werk“, sagt die Baseler Kuratorin Heidi Naef, „ist zeitlos“. Die Schweizerin ist zur Nauman-Expertin geworden, seit sie 2018 im Schaulager in Münchenstein bei Basel gemeinsam mit Isabell Friedli eine der wohl spektakulärsten Nauman-Ausstellungen organisierte. Die Schau brannte ein multimediales Feuerwerk Naumans ab. Anschließend zog sie an das Museum of Modern Art (MoMA) nach New York weiter.

Lässt sich Nauman auf bestimmte Botschaften festlegen? Die Kuratorin winkt ab: „Der Grundtenor seines Werks“, sagt Heidi Naef im DW-Gespräch, „ist der Mensch in der Gesellschaft.“ Das Motiv durchziehe sein Schaffen wie ein roter Faden.

Wie bewege ich mich im Raum? Was, wenn ich ein Auge zuhalte? Oder eine Geste endlos wiederhole? Aus der Beobachtung unscheinbarer Momente entwickelt Nauman in unzähligen Arbeiten sein Spiel mit der Wahrnehmung. Dafür findet er immer wieder neue, irritierende und häufig humorvolle Bilder – und setzt so Denkprozesse in Gang.