von Wiebke Tomescheit
23.11.2021, 18:53 Uhr

Es war das wohl einzige große Abenteuer ihres Lebens, und auch das letzte: Nachdem sie sich in einen Spion verliebt hatte, riskierte Elli Barczatis für den Geliebten alles. Ob sie wirklich begriff, was sie tat, ist bis heute unklar.

Sie war nicht das, was man gemeinhin hübsch nennt: Helene, genannt Elli, Barczatis war 37 Jahre alt, hatte ein eher kantiges Gesicht, eine hohe Stirn und eine spitze Nase. Sie kleidete sich ordentlich und adrett, aber sicher nicht gewagt oder verführerisch. Mit 37 war sie noch immer „ledig“, und so würde es später auch in ihrer Sträflingsakte stehen. Dabei hatte Elli Barczatis im Jahr 1949 einen Mann kennengelernt. Einen Mann, der das genaue Gegenteil von ihr war: Charmant, extrovertiert, draufgängerisch. Ihr unerwarteter Liebhaber hieß Karl Laurenz.

Was klingt wie der Beginn eines Happy Ends für die fleißige, pflichtbewusste Sekretärin aus Berlin, war in Wirklichkeit der Anfang vom Ende. 1955 würde Elli Barczatis geköpft werden, ihr Liebhaber ebenfalls.

Eine Frau auf dem Weg nach oben

Elli Barczatis war eine vorbildliche DDR-Bürgerin. Direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war sie aus freien Stücken der SED beigetreten, außerdem der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft und dem Demokratischen Frauenbund Deutschlands. Sie hatte sich zur kaufmännischen Angestellten ausbilden lassen, ließ sich regelmäßig fortbilden und hatte sich Ende der Vierzigerjahre zur Sekretärin des Präsidenten der Zentralverwaltung der Brennstoffindustrie, allgemein „Kohle“ genannt, hochgearbeitet. Eine hohe Position innerhalb eines wichtigen Betriebs. Dort arbeitete auch Karl Laurenz, der jedoch, obwohl er Abitur und sogar ein abgeschlossenes Jurastudium hatte, einen vergleichsweise niedrigen Posten innehatte.

Auch Laurenz war anfangs…