Kolumne

Ach Mensch – Gesellschaftskolumne
Von der Pflicht zu schützen

Vor einem Restaurant im Stuttgarter Westen hängt ein Schild mit der Aufschrift „Liebe Gäste bei uns gilt 2G – geimpft – genesen Bitte halten Sie Ihre Nachweise bereit“

© Marijan Murat / DPA

von Florian Gless
17.11.2021, 17:09 Uhr

In der selbst verschuldeten Unübersichtlichkeit der Pandemie kann nur noch ein Krisenstab für Klarheit sorgen.

Eine der bedenklichsten Nebenwirkungen der Pandemie ist das zerbröckelte Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Staates. Der Apparat, der uns jahrzehntelang das Gefühl gab, dass wir in Sicherheit leben: Er ist beschädigt. Als Kind habe ich die Schneekatastrophe Ende 1978 in Schleswig-Holstein erlebt. Nicht eine Sekunde lang haben meine Familie und ich damals befürchtet, auch nur annähernd in Gefahr zu sein. Dabei waren Landstriche ohne Strom, die Straßen waren gesperrt, Panzer der Bundeswehr mussten Eingeschneite befreien, Hubschrauber Lebensmittel heranfliegen.

stern-Chefredakteur Florian Gless schreibt hier jede zweite Woche über die Herausforderung, einfach Mensch zu sein

© Carolin Windel/stern

Ich weiß, dass eine solche Wetterkatastrophe nicht mit der bald zweijährigen Pandemie zu vergleichen ist: Aber damals, als Zehnjähriger, lernte ich, dass ich getrost Urvertrauen in den Staat haben kann. Er kümmert sich. Und heute? Heute walzen meterhohe Flutwellen durchs Ahrtal, und es heulen nicht einmal die Sirenen. Aber davon will ich gar nicht anfangen.

Eindrucksvoll beweist der Staat in diesen Tagen, wie weit er davon entfernt ist, das Virus in den Griff zu bekommen. Gefangen in falscher Rücksichtnahme, naiv in der Hoffnung auf bessere Zahlen, unfähig, geschlossen zu handeln, geschweige denn zu kommunizieren. Damals unterbrach Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg seinen Weihnachtsurlaub, bildete…