Als die 17-jährige Anita auf der Rampe in Auschwitz-Birkenau steht, weiß sie, dass der Tod auf sie wartet. Es ist Dezember 1943, zuvor hatte sie miterlebt, wie ihre Eltern deportiert wurden und verschwanden. „Das also ist jetzt die letzte Station“, erinnert sich Anita Lasker-Wallfisch, heute 96 Jahre alt, an die „Aufnahmezeremonie“. Was sie früher gemacht habe, wird sie gefragt. „Cello gespielt“, antwortet die zutiefst verängstigte junge Frau. Kurz darauf steht die Leiterin des neu gegründeten KZ-Mädchenorchesters vor ihr. „Ich war starr, nackt und Alma Rosé fragt mich: Wo und was hast du studiert? Eine irrsinnige Unterhaltung.“

Das Cello rettete Anita Lasker-Wallfisch das Leben

Im Interview für die kommende DW-Musikdokumentation „Der Klang der Diktatur – Klassik unterm Hakenkreuz“ (Buch und Regie: Christian Berger) erinnert sich Anita Lasker-Wallfisch, wie das Cello ihr das Leben gerettet hat: Sie wird in das 56-köpfige Orchester des Frauenlagers aufgenommen. „Wir waren Kinder und Amateure“, sagt sie. Die Stücke für die zusammengewürfelte Musiktruppe arrangiert Alma Rosé selbst, die Nichte des jüdischen und von den Nazis als „entartet“ abgestempelten Komponisten Gustav Mahler. Gefragt sind vor allem Märsche: So spielt das Orchester morgens und abends am Tor des Frauenlagers für die Arbeiterinnenkolonne, auch bei klirrender Kälte. Die Cellistin wird vor der zerstörerischen Strafarbeit verschont, sicher fühlt sie sich nicht. „Nur so lange die Musik haben wollen, werden sie uns nicht in die Gaskammer stecken. Nur ein Aufschub!“

Besenstiel als Cello: Anita Lasker-Wallfisch verliebte sich schon als Kind in dieses Instrument

Doch warum machten sich die Nationalsozialisten überhaupt die Mühe, für die Gefangenen, die sie ermordeten, Musik zu spielen? „Diese Mentalität ist so pervers, dass sie kaum zu begreifen ist, aber sie ist zentral: Die Musik und die Künste sollten als Teil der Mordmaschine eingesetzt werden“, sagt Norman Lebrecht im DW-Interview. Der…