Im Gegensatz zu Lenin, dem die Kommunisten ewiges Leben verhießen und den sie „lebendiger als alle Lebenden“ nannten, wurde Dostojewskij, geboren am 11. November 1821, wie in einer Zeitmaschine in die Zukunft katapultiert – direkt zu uns.

Dostojewski: dem „Übermenschen“ auf der Spur

Fangen wir damit an, dass Dostojewski das zentrale Thema des 20. Jahrhunderts vorwegnimmt – den Übermenschen. Ein Thema, präsent in der Philosophie von Friedrich Nietzsche, Oskar Spengler oder Lew Schestow, in der Prosa von Albert Camus, Thomas Mann und vielen anderen. Als politische Erscheinung fand der Übermensch seine finstere Entsprechung im Nazismus und in der kommunistischen Utopie eben dieses erwähnten Lenin.

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew

Eine andere kolossale Leistung Dostojewskijs ist die Entfaltung des ewigen Themas „Glauben und Unglauben“ in seinen Büchern. „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt“, lautet eine seiner Thesen und so beschreitet er den Weg vom Unglauben ins wilde Reich des Absurden.

Das Werk Dostojewskijs hat das 20. Jahrhundert überholt. Es ist in unserer Zeit als prophetische Warnung vor dem Triumph der Entropie durch die Schwächung kultureller Werte, durch den Verlust der Möglichkeit des Menschen, sich selbst zu erkennen, angekommen. Verdummung, Vereinfachung, Tanz des Zynismus und des Wahnsinns, alles, was sich im Zirkel von Pjotr Werchowenskij im Roman „Die Dämonen“ abspielt, ist weitgehend im 21. Jahrhundert Realität geworden.

Der Zerfall gemeinsamer Werte hat in beträchtlichem Ausmaß sowohl den Osten als auch den Westen paralysiert. Zusammen mit Dostojewskij lieben wir nach wie vor die „alten Steine Europas“, wie es bei ihm zu lesen steht. Doch mit den heutigen Steinen lässt sich offenbar nur schwer der Weg eines akzeptablen Fortschritts pflastern.

„Mag die Welt untergehen, aber ich will jetzt meinen Tee trinken.“

Dostojewskij richtete seine Werke in so erstaunlicher Weise auf die Zukunft aus, dass seine Figuren quasi das…