von Lutz Meier
28.10.2021, 16:21 Uhr

Die schönen Zeiten sind erst einmal vorbei für VW-Chef Herbert Diess, doch er macht sich auch die schlechten zunutze. Gezielt setzt er das schlechte Quartalsergebnis ein, um den Druck auf die VW-Belegschaft zu erhöhen. 

Was war das für ein herrlicher Sommer für Herbert Diess: Der VW-Konzernchef surfte wie auf einer Welle und sammelte Bestätigungen ein. Bestätigungen für seine Linie, die allen demonstrieren soll, dass er sich anders als seine Vorgänger und die Chefs anderer alter Autokonzerne es getan haben, nicht mehr auf die Bremse stellt beim Schwenk von der Verbrenner- in die Elektroära. Nein, er setzt sich an die Spitze der Bewegung. Dass er sich als eine Art Zwilling von Tesla-Vormann Elon Musk inszeniert, den er sogar bei einem Managementmeeting zum Plausch einlud. Dass er anders als in der Branche lange üblich, nicht als Anti-Ökonörgler auftrat, sondern öffentlichkeitswirksam Fridays for Futures umarmte, eine konsequentere Klimapolitik forderte und bei einer Fahrraddemo mitfuhr – alles mithilfe einer spezialisierten PR-Agentur über Twitter herausgeblasen.

Dieser Aktionismus zahlte sich aus: VW schien auf dem Weg vom Dieselbetrügerkonzern zum Ökopionier, die Börse feierte den Konzern als eine Art zweites Tesla und all das schien auch den neuen Elektroautos des Konzerns den nötigen Schub zu geben. Zudem konnte Diess nach erstaunlich guten Zahlen aus dem ersten Halbjahr noch ein dickes Versprechen für die Investoren drauflegen: Der Konzern werde im Elektrozeitalter nicht etwa mehr Druck auf die Gewinne spüren, wie in der Vergangenheit geglaubt – nein, er würde seine teilweise mauen Renditen aus früheren Zeiten sogar deutlich steigern.

Offenbar, so sah es aus, kann eine Firma wie VW Klimaretter, Job- und Gewinnmaschine gleichzeitig sein. Beinahe vergessen schien, dass Europas größter Industriekonzern eben auch jede…