Das Lineup Anfang Oktober im Kultuurikatel, einem ehemaligen Kraftwerk in Tallinn, dessen hohe Decken und Betonwände an Berlins Berghain erinnern, war vielversprechend: Auf der Bühne standen AIGEL, ein tatarisch-russisches elektronisches Hip-Hop-Duo, Hatari, Islands provokante Techno-Punks, Rainday Station, eine estnisch-russische Gothic Rock Band und A Place To Bury Strangers, angeblich die lauteste Band New Yorks. 

Die vier Bands waren Teil von insgesamt 177 Acts aus 21 Ländern, die das Publikum von Donnerstag (30.09.) bis Sonntag (03.10.) auf der Tallinn Music Week in Estland erleben konnte. In diesem Jahr kamen 18 Acts aus Russland, beinahe so viele wie aus dem Gastgeberland Estland. 

Integration durch Musik 

Schlagzeuger Kirill Harjo von „Rainday Station“ im Hintergrund, Gitarrist Arseni Grigorjev vorne im Bild

Die vier Musiker von Rainday Station wurden in den 1980er-Jahren in Estland unter sowjetischer Besatzung geboren. Schlagzeuger Kirill Harjo hat in den letzten fünfzehn Jahren in mehreren Bands gespielt und war Teil der estnisch-russischen künstlerischen Avantgarde. 

„Meine vorherige Band, Junk Riot, war eine der ersten, die eine Fangemeinde in der ganzen Bevölkerung hatte“, erzählt der 36-Jährige nach seinem Konzert. „Als ich jung war, ging ich auf russische Schulen und hatte hauptsächlich russische Freunde. Erst als ich auf die Berufsschule wechselte, lernte ich estnischsprachige Menschen kennen. Heute spricht die eine Hälfte meiner Freunde estnisch, die andere russisch.“ 

Immigration während der Sowjetzeit 

In Estlands Hauptstadt Tallinn leben ungefähr die Hälfte aller rund 320.000 russischsprachigen Menschen im Land. Die meisten Russen immigrierten in den 1970er- und 1980er-Jahren. Damals kamen Hunderttausende aus der Sowjetunion, um in der Textilfabrik in Narva oder anderen mittlerweile stillgelegten Industriezonen zu arbeiten. In den 1990er-Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, verließen dann an die 200.000 Russen…