Interview

Minimalschuhe
Kunsthistorikerin Kerstin Merkel: „Frauen wollen beweglich sein“

Mehr Standfestigkeit dank bequemer Schuhe.

© helenaak / Getty Images

von Doris Schneyink
05.10.2021, 15:12 Uhr

Sechs Paar neue Schuhe kaufen sich Frauen im Schnitt pro Jahr. Und die Absätze werden immer flacher. Ein Interview mit der Kunsthistorikerin Kerstin Merkel über High-Heels, Barfußschuhe, Erotik und Macht

Frau Merkel, wenn man sich umschaut, hat man den Eindruck, dass immer mehr Frauen runterkommen von hohen Absätzen. Sie tragen Sneaker statt Stiletto.

Wir lösen uns gerade von Sehgewohnheiten, die uns seit mehr als 300 Jahren prägen. Im 18. Jahrhundert setzte sich durch, dass Frauen zu Kleidern hohe Absätze tragen. Das war ein sozialer Code. Doch der löst sich auf. Mir ist es vor etwa zehn Jahren erstmals aufgefallen, dass Frauen in Metropolen wie New York sehr dynamisch und flott auf Sneakern unterwegs sind. Frauen wollen beweglich sein. Das sehe ich auch hier in Peking, wo ich derzeit lebe.

Frauen sind im Durchschnitt kleiner als Männer. Verleihen ihnen hohe Absätze nicht auch Selbstbewusstsein?

Nicht mehr in dem Maße, wie das früher vielleicht der Fall gewesen sein mag. Gerade die jungen Frauen trennen sich von High Heels, sie brauchen Freiheit und Mobilität. Und dafür benötigen sie bequeme Schuhe, in denen sie sich bewegen können. In der Frauenbewegung der 70er Jahre wurde noch heiss diskutiert, ob emanzipierte Frauen High-Heels tragen dürfen oder nicht. Aber da ging es weniger um die Gesundheit, sondern mehr um die Tatsache, dass High-Heels ein erotisches Signal sind.

Das sind sie heute immer noch, oder?

Kerstin Merkel ist Kunsthistorikerin und Honorarprofessorin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Zu den Schwerpunkten ihrer…