Sie kamen nur mit dem Allernötigsten – über das Anwerbeabkommen mit der Türkei vom Oktober 1961. Die «Gastarbeiter» nahmen harte Arbeit und karge Umstände hin. Zwei erzählen ihre Geschichte.

Nur einen Koffer mit Lebensmitteln und etwas Wäsche hatte er dabei. Im Oktober 1964. Drei Tage brauchte Serafettin Tüzün mit dem Zug von Istanbul nach München.

Dann weiter im Bus nach Köln. «Ich wollte unbedingt nach Deutschland. Arbeiten», erzählt der 81-Jährige. Als er ins übervolle Abteil stieg, war er 24, konnte kein Wort Deutsch. Wie insgesamt hunderttausende Landsleute in diesen Zeiten hoffte er auf «Almanya», wo die Wirtschaft boomte und man händeringend Arbeitskräfte suchte. Das deutsch-türkische Anwerbeabkommen war drei Jahre zuvor geschlossen worden – und jährt sich nun am 30. Oktober zum 60. Mal.

«Es war sehr hart. Schwere Metallarbeit, am Schleifband», schildert Tüzün, bedächtig, lächelnd. Er schuftete ein Jahr in den Motorenwerken von Klöckner-Humboldt-Deutz. «Ich wohnte im Ledigenheim. Wir waren vier Leute in einem Zimmer.» Die Miete wurde vom Lohn abgezogen. 110 D-Mark pro Woche verdiente Tüzün. Danach heuerte er in einer Stahlhütte in Hattingen an, suchte dort vergeblich eine Wohnung, um die Familie nachzuholen. «Aber sie wollten keine Ausländer, sagten immer: Tut mir leid, die Wohnung ist schon weg.» Tüzün stammt aus der Schwarzmeerstadt Sinop, hatte Militärdienst und Textilfabrik hinter sich, lebte in Armut, bevor er sich entschloss, sein Glück im unbekannten Deutschland zu versuchen.

Seit 1955 hatte die Bundesrepublik Anwerbeabkommen mit mehreren Ländern geschlossen, am 30. Oktober 1961 mit Ankara. Regionen wie das Ruhrgebiet waren Motor des Wirtschaftswunders, viele «Gastarbeiter» waren unter Tage oder in Fabriken eingesetzt. Die Arbeits- und Lebensbedingungen waren extrem. Plackerei ohne Schutzvorkehrung, Demütigung und Ausbeutung hatte…