Eine frühe Kindheitserinnerung: Ich stehe im Kaufhaus an der Rolltreppe und greife nach dem Handlauf. Meine Oma zieht meinen Arm sanft weg. „Nicht“, sagt sie, „das ist schmutzig.“ Sie hält meine Hand fest, während wir hinabgleiten.

Ende der 1960er-Jahre muss das gewesen sein, ich war vier oder fünf Jahre alt. Damals überzog die sogenannte „Hongkong-Grippe“ den Erdball. Mindestens eine Million Menschen starb weltweit daran, und doch ist sie heute fast vergessen.

Mit Mundschutz im Büro: die Grippewelle 1969/70

So, wie es auch die einfachen Hygiene-Maßnahmen waren, die wir durch das Coronavirus wieder erlernten: Abstand, Maske, Händewaschen.

Pocken, Polio, Typhus: Schreckgespenster auch in Europa

Meiner Oma, deren Mutter fast an der Spanischen Grippe gestorben wäre, waren sie noch vertraut. Bevor es Antibiotika und flächendeckende Impfungen gab, verbreiteten Infektionskrankheiten wie Polio, Typhus, Diphterie oder Pocken Jahrhunderte lang auch in Europa ihren Schrecken. Heute sterben vor allem Kinder in weniger entwickelten Ländern daran – den Luxus teurer Impfungen und guter Gesundheitssysteme können sich viele nicht leisten.

Der menschliche Körper: ein Wunderwerk der Natur – und anfällig für Seuchen

„Corona ist eine Warnung an die Menschheit“

Doch das SARS-Cov-2-Virus hat auch unsere vermeintliche Sicherheit erschüttert und gezeigt, dass niemand davor gefeit ist. „Seuchen“, sagt Oliver Gauert, „sind die größte globale Bedrohung neben dem Klimawandel. Sie sind nur nicht annähernd in diesem Maße ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Corona ist eine Warnung an die Menschheit.“

Oliver Gauert hat die (nach eigenen Angaben) weltweit größte medizinhistorische Ausstellung kuratiert, die es je gab: Die Schau „Seuchen. Fluch der Vergangenheit – Bedrohung der Zukunft“ öffnet am 2. Oktober im niedersächsischen Hildesheim ihre Tore. Entstanden ist sie in Kooperation mit zahlreichen wissenschaftlichen Einrichtungen, darunter der Hochschule Hannover und…