Verzerrte Gesichter, zuckende Körper. Tänzerinnen und Tänzer kommen zusammen, stoßen sich ab, schwanken, Blut sprudelt. Die Bewegungen wirken wie eine Mischung aus Angriff und Verteidigung, Nähe und Abscheu. Schon allein die Ausschnitte aus dem Stück „Furia“ von Lia Rodrigues verraten, worum es der Choreographin geht: um starke koloniale und rassistische Zerrbilder. 

Die Traumata der brasilianischen Gesellschaft gleichen denen anderer Länder, die von kolonialer Gewalt geprägt sind: Mit ihrem Schmerz, der Wut, der Ohnmacht. Mit der Wucht dieser Emotionen arbeitet die brasilianische Choreographin Lia Rodrigues.

Probenszene aus Rodrigues‘ Stück „Fúria“

„Unüberwindbare Grenzen der Ungleichheit“

„Wie kann man sie zeigen: die Realitäten der unüberwindbaren Grenzen der Ungleichheit“, fragt die Choreographin in einem Filmbeitrag von 2016. „Die Grenzen sind wie Wunden, die nie verheilen. Offen und voller Eiter.“

Rassismus, Gewalterfahrungen, Macht und Ohnmacht – das sind die Themen, die Lia Rodrigues nicht nur in ihren Stücken verarbeitet. Ihre Arbeitsweise ist ein Statement zum Abbau von Hürden im Tanz: In ihrer Kompagnie arbeiten Menschen verschiedenster Herkunft, Geschlechter und Körperformen.

Kompagnie im Armenviertel

Lia Rodrigues kam 1956 in Sao Paolo in Brasilien zur Welt. Nach der Ausbildung im klassischen Ballett tanzte sie bei verschiedenen Kompanien in Brasilien und Frankreich. Die Lia Rodrigues Companhia de Dancas gründete sie 1990 in Rio de Janeiro – zunächst für klassische an den Akademien ausgebildete Tänzerinnen und Tänzer. Doch 2004 öffnete sie die Kompanie für begabte Tänzerinnen und Tänzer aus den Favelas.

Direkt am Rand der Favela de Maré in Rio de Janeiro initiierte Lia Rodriguez 2009 das „Centro de Artes da Maré“ und die „Free School of Dance“, wo seitdem gemeinsam trainiert und geprobt wird. Ihr geht es auch darum, jungen Menschen einen niedrigschwelligen Zugang zur Tanzkunst zu ermöglichen – und einen Weg weg von der Straße.