von Bernhard Albrecht und Isabel Stettin
01.09.2021, 20:32 Uhr

530 Jahre hatte die badische Stadt Oberkirch ihr eigenes Krankenhaus. Jetzt wird die Klinik zusammen mit drei weiteren im Ortenaukreis geschlossen. Was dort geschieht, empört die Menschen – und bahnt sich überall in Deutschland an.

Die „Fahndungsplakate“ klebten an Christian Kellers Gartenzaun, sie pflasterten die Straße, das Viertel, in dem er wohnt. „Wanted: Klinikschließer Christian Keller. 1.500.000.000 Euro“. Darunter sein Foto. Auf der Straße hatten sich Unbekannte versammelt und beobachteten sein Haus. Das war Ende März dieses Jahres, es war nicht die erste solcher Aktionen. Krankenhäuser zu schließen ist gefährlich. Keller, Geschäftsführer des Ortenau-Klinikums, musste es ebenso erfahren wie der Landrat Frank Scherer, beide treiben die „Agenda 2030“ für den Ortenaukreis voran. Der Plan: Zentralisierung und Ausbau der Krankenversorgung an drei Standorten, Schließung von vier kleinen Kliniken. Avisierte Kosten: 1,3 Milliarden Euro.

Beschlossen wurde das vor drei Jahren mit Zweidrittelmehrheit in der Kreisratssitzung. Seitdem schlagen ihnen immer neue Wellen des Protests entgegen. Bürgerinitiativen bildeten sich, zogen in Demos durch die Innenstädte, starteten eine Petition, reichten eine Klage beim Verwaltungsgericht ein. Einige Kreisräte, die für den Strukturwandel gestimmt hatten, wurden abgewählt. Es gab Todesdrohungen wie diese, gekritzelt auf einen Zettel im Briefkasten: „Mögen deine Kinder verrecken.“

Oberkirch hatte 530 Jahre sein eigenes Krankenhaus

Der Ortenaukreis ist flächenmäßig einer der größten Landkreise Deutschlands, dünn besiedelt, medizinisch schwer zu versorgen. Er erstreckt sich von der Rheinebene hoch in den Schwarzwald, schmale Straßen schlängeln sich vorbei an Weinbergen und Obstwiesen durch Flusstäler und Fachwerkdörfer. Vom entlegenen Bad Peterstal-Griesbach zum…