Kolumne

Marktplatz – Die Hauptstadtkolumne
Afghanistan, Flut, Pandemie – die Wucht der Gegenwart verdrängt die Zukunft

Ein US-Marine in Kabul. Ereignisse wie die Anschläge in Afghanistan produzieren Bilder, die in den Köpfen spuken – aber werden sie auch die Wahl bestimmen?, fragt sich stern-Autor Horst von Buttlar

© Sra Taylor Crul/U.S. Air/Planet Pix via ZUMA Press Wire / DPA

von Horst von Buttlar
27.08.2021, 21:11 Uhr

In diesem Wahlkampf wollten wir endlich um Ideen, Visionen und Wegmarken bis 2030 streiten. Doch die harte Wirklichkeit hält uns gefangen, Schicksale beschäftigen uns statt „Schicksalsjahrzehnte“.

In Wahlkämpfen, heißt es oft, will man über die Zukunft und Ideen reden und streiten – aber es ist die harte und brutale Gegenwart und Wirklichkeit, die uns seit Wochen beschäftigt und den Atem raubt: Afghanistan, Hochwasser, Pandemie. Die Kandidaten und die Kandidatin versuchen zwar, aus dem Schrecken und den Reaktionen Lehren für die Zukunft zu destillieren, Formeln wie: „Das zeigt doch, dass wir künftig XY machen müssen.“

Horst von Buttlar schreibt hier jede zweite Woche über Politik und Wirtschaft

© Gene Glover

Aber 2030 oder 2045 sind wieder weit weg und abstrakt, wenn wir evakuieren, retten, Menschen sterben, Menschen um ihr Leben fürchten, oder in einer Flut alles verlieren. Unser Gehirn kann sich Kipppunkte in einigen Jahrzehnten ohnehin schwer ausmalen – das kennen wir von der Inflation, von Renditen und Renten. In Tagen wie diesen interessieren Wegmarken wie 2030 kaum.

Afghanistan entscheidet keine Wahl, weil die Bilder zwar entsetzen, aber den Alltag der Wähler unmittelbar nicht betreffen. Wie auch diese Woche, in Afghanistan geht es um Schicksale, nicht das „Schicksalsjahrzehnt“. Zu Recht, weil der blutige Anschlag am Kabuler Flughafen die angekündigte Katastrophe in der Katastrophe…