von Lukas Hildebrand
21.08.2021, 18:46 Uhr

Morgens hängen sie plötzlich an allen Laternen: Die Wahlplakate. Sie zeigen überwiegend die bekannten Personen und alten Gesichter der Politik. Doch wer sind die Menschen, die im Dunkel der Plakatiernacht, sieben Wochen vor der Wahl, von Laterne zu Laterne ziehen? 

Ich lehne an einer Laterne. Straßenlärm, die Rolltreppe entlässt schwarz gekleidete Jugendliche mit geöffneten Glasflaschen in den Abend, auf der anderen Straßenseite wiegt eine Frau vor einem Supermarkt in der Abendsonne eine Wassermelone in ihrer Hand, legt sie unzufrieden zurück, nimmt eine andere, das Türsignal der Berliner S-Bahn drängt zum Einsteigen, da höre ich hinter mir eine Stimme: „Bist du hier der blonde Alman?“. Eine junge Frau mit tiefen Augenringen steht hinter mir. Verdutzt antworte ich: „Kann schon sein“. Ich fühle mich irgendwie ertappt, obwohl ich einmal hier wohnte, war ich lange nicht mehr hier – steche ich aus der Masse an Menschen so heraus? „Sehr gut, wieviel willst du für ein Gramm?“. Da wird mir das Missverständnis bewusst. „Sorry, ich glaube du suchst jemand anderen“.

„Ja das ist Neukölln“ sagt Max von Chelstowski lachend, als ich ihm davon erzähle. Sein ganzes Leben wohnt Max bereits in diesem Bezirk. Alle vier Jahre muss er Neukölln jedoch in einem Kampf verteidigen, der mit Kabelbinder und Plakaten im Namen der SPD in einer Nacht sieben Wochen vor der Bundestagswahl beginnt. Diese Nacht ist heute.

Die Plakatiernacht

In der U-Bahn Richtung Süd-Neukölln beziehungsweise Wahlkreis Neukölln 4 – wie Max diesen Ort heute nennt – erzählt er mir von der Bedeutung der Plakatiernacht: „Ich habe extra den Urlaub mit meiner Freundin nach hinten verschoben, um heute dabei zu sein.“ An der nächsten Station steigt ein junger Genosse von Max dazu – auch er heißt Max. Er humpelt, weil er sich den Fuß geprellt hat. Doch auch er möchte die…