Gertrude Stein führte zweifellos ein bewegtes Leben: innovativ im Umgang mit Sprache, ein lesbisches Rollenmodell, eine feministische Pionierin und literarische Anarchistin – und in ihrer Pariser Wohnung Gastgeberin illustrer Autoren und Künstler wie Hemingway, Fitzgerald oder Picasso.

Doch neben ihrem progressiven Lebensstil entwickelte die jüdisch-amerikanische Schriftstellerin und Kunstsammlerin während des Zweiten Weltkriegs auch eine Beziehung zu Nazi-Kollaborateuren, die ihr vermutlich das Leben und ihre außergewöhnliche Kunstsammlung retteten.

Ströme des Bewusstseins

Als jüngstes von fünf Kindern wurde Stein am 3. Februar 1874 in Allegheny, Pennsylvania, als Tochter wohlhabender Einwanderer deutsch-jüdischer Abstammung geboren. Als sie noch ein Kleinkind war, zog die Familie Stein kurzzeitig nach Europa, wo Gertrude ihre ersten Lebensjahre in Österreich und Frankreich verbrachte. Die Familie kehrte 1879 in die USA zurück und ließ sich zunächst in Baltimore und später in Oakland, Kalifornien, nieder.

An Gauguins „Sonnenblumen auf einem Stuhl“ beeindruckte Gertrude Stein, dass sich der Künstler von den Normen der Zeit verabschiedete

1893 schrieb sich Stein am Radcliffe College ein, einem Frauencollege in Cambridge, das dem damals nur für Männer zugelassenen Harvard College gleichgestellt war. Sie studierte dort vier Jahre Psychologie. Einer ihrer Dozenten war William James, der als „Vater der amerikanischen Psychologie“ bekannt wurde und Bruder des Schriftstellers Henry James war. Er ermutigte sie, die Erzählform des „Bewusstseinsstroms“, wie sie etwa Schriftsteller James Joyce nutzte, zu erforschen. Sie sollte für ihren modernistischen Schreibstil prägend werden.

Später schrieb sich Stein an der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore ein. Nach anfänglich guten Leistungen verlor sie jedoch bald das Interesse und schloss das Studium nicht ab. Stattdessen zog Gertrude Stein nach Paris, wo ihr Bruder Leo lebte und bereits…