Wenn Boldizsár Nagy über das spricht, was ihm in den vergangenen Monaten widerfahren ist, stockt einem nicht selten der Atem. Lange war er ein unbekannter Journalist und Kinderbuchredakteur, „niemand Besonderes“, sagt er. Und auch als er zusammen mit Kollegen im vergangenen Jahr das Märchenbuch „Märchenland für alle“ (ungarisch: „Meseország Mindenkié“) veröffentlichte, dachte er, es würde vielleicht ein paar Artikel darüber in der Presse geben, mehr nicht. Doch es kam anders. Eine rechtsradikale Politikerin schredderte sein Werk vor laufenden Kameras, weil darin auch Homosexuelle, Transgender und Roma-Charaktere vorkommen. Ungarns Kanzleramtsminister nannte es wenig später „homosexuelle Propaganda“.

Journalist und Redakteur Boldizsár Nagy

Bis heute bekommt Nagy, der selbst homosexuell ist, täglich Morddrohungen über die sozialen Netzwerke. Auf der Straße schaut er sich nun oft um, vor allem nachts. Er fühlt sich nicht mehr sicher. „Das ist meine neue Realität“, sagt er. Nur kurz, fast schüchtern, zeigt er auf seinen Ring. Vor zwei Jahren hat er sich mit seinem Partner verlobt, ist dann mit ihm die eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen. Seitdem wollen sie ein Kind adoptieren. Doch immer wieder würden ihnen von den Behörden Steine in den Weg gelegt. Deshalb hätten sie bereits damals beschlossen, das Land zu verlassen, sagt Nagy. Wohin sie gehen, will er lieber nicht sagen.

Referendum soll Klarheit bringen

Seit einigen Monaten verschärft Ungarns rechtsnationalistische Regierung von Premierminister Viktor Orbán den Ton gegenüber LGBTQ-Menschen. Im Mai 2020 erließ sie ein Gesetz, das Transmenschen verbietet, ihr Geschlecht zu ändern. Wenig später schrieb sie den Satz: „Die Mutter ist eine Frau, der Vater ist ein Mann“ in die Verfassung und erließ gleichzeitig ein Gesetz, das es gleichgeschlechtlichen Paaren de facto unmöglich macht, Kinder zu adoptieren. Vor gut einem Monat folgte schließlich ein Gesetz, das weltweit für Entrüstung sorgte. Es…