Es ist kurz vor 15 Uhr am Lausitzer Platz in Berlin-Neukölln. Die Kamerateams packen ihr Equipment ein. Gerade eben hat Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ein kurzes Statement unter freiem Himmel zu seinen Gesprächen mit dem Management und Beschäftigten zu den Arbeitsbedingungen beim Berliner Lieferdienst-Start-up Gorillas abgegeben.

Heil sprach davon, dass jeder Arbeitgeber sich in Deutschland an Recht und Gesetz halten muss, auch die Start-ups der Plattformökonomie. Von Fehlern, die das Gorillas-Management inzwischen eingeräumt habe. Von Vorwürfen über befristete Verträge, schlechte Arbeitsbedingungen und mangelnden Arbeitsschutz für die Radkuriere des Unternehmens, das damit wirbt, einem Lebensmittel in zehn Minuten bis an die Haustür zu liefern, zu Supermarktpreisen, zuzüglich eines Lieferpreises von 1,80 Euro.

Heil sagte, dass er sich als Arbeitsminister wegen der Tarifautonomie nicht in Streikauseinandersetzungen einmischen dürfe. Dass die Vorwürfe aber den zuständigen Behörden geprüft werden müssten. Dass er den Prozess begleiten und helfen wolle. Das Management habe Fehler eingeräumt und Besserung gelobt.

»Wenn nicht Wahlkampf wäre…«

Ein paar Meter weiter steht Josef, ein schlanker junger Mann von 29 Jahren mit rotblonden Haaren und mag das alles kaum glauben. Er ist vor sieben Monaten aus Großbritannien nach Berlin gekommen, seitdem arbeitet er bei Gorillas. Er gehört zu dem Gründungsteam für einen Betriebsrat in dem Unternehmen.

Eine halbe Stunde lang hat Josef sich an einem kleinen Fußballkäfig mit einer Handvoll Kollegen und Kolleginnen mit dem Arbeitsminister unterhalten, umringt von Journalisten, mit dem Rücken zum Maschendrahtzaun. Es war ein ruhiges Gespräch auf Englisch, weil die meisten hier kein Deutsch sprechen, für viele ist Spanisch die Muttersprache. Man ließ sich ausreden, ging aufeinander ein. Zufrieden ist Josef dennoch nicht. Und er erwartet sich auch keine wirkliche Hilfe von Heil. »Wenn nicht Wahlkampf wäre,…