Wir wissen natürlich nicht, wie es Ihnen geht – aber unser Latein und unser Mittelhochdeutsch sind leider doch ein wenig eingerostet. Deswegen mussten wir nachlesen. Das Wort »Brille« jedenfalls geht auf das mittelhochdeutsche »berille« und das wiederum auf das lateinische »beryllus« zurück. Das hat entscheidend damit zu tun, dass im Mittelalter unter anderem aus dem harten und in seiner Reinform farblosen Mineral Beryll die ersten Augengläser geschliffen wurden.

Lange Zeit mussten sich Fehlsichtige dabei mit einem Glas behelfen, erst später nutzte man standardmäßig zwei, für jedes Auge eines. Daher sagt man auch »die Brille«, der feminine Singular basiert auf einer Umdeutung der Pluralform »die berille«. Auch das haben wir nachgelesen. Aber warum erzählen wir Ihnen das nun alles?

Es hat mit dem riesigen Weltraumteleskop »James Webb« zu tun, das die beteiligten Weltraumagenturen in den USA, Kanada und Europa in diesem Jahr endlich starten wollen.

Im Bereich der Infrarotstrahlung soll es deutlich sensibler sein als das in die Jahre gekommene »Hubble«-Teleskop – und der Menschheit bisher ungeahnte Einblicke in die Frühgeschichte des Universums liefern. Der Hauptspiegel von »James Webb« ist aus dem chemischen Element Beryllium gefertigt, dem Hauptbestandteil des Halbedelsteins Beryll.

Das hat gleich mehrere triftige Gründe: Beryllium ändert einerseits bei Hitze oder Kälte kaum seine Ausdehnung, andererseits ist es dank geringer Dichte sehr leicht. Dazu kommt, dass das Element auch verdammt hart ist – und das Teleskop dadurch sogar den Einschlag von Mikrometeoriten auf dem Spiegel überstehen soll.

Spiegel muss gefaltet werden, damit er in die Rakete passt

Genau genommen spielt auch im Fall von »James Webb« der Plural beim Beryll wieder eine wichtige Rolle, wie bei der Brille. Im konkreten Fall ist es sogar so, dass 18 Beryllium-Spiegel für das Teleskop zusammengefügt wurden. Die einzelnen, mit Gold bedampften Elemente sind sechseckig und…