Als Jürgen Braun im März 2021 seine Bundestagsrede beginnt, leitet Vizepräsidentin Claudia Roth die Sitzung. Der AfD-Abgeordnete dreht sich zu ihr, legt sein Manuskript zurecht und setzt zur Begrüßung an. »Frau Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren«, sagt er.

Roth unterbricht und korrigiert ihn, er verweist auf das generische Maskulinum. Daraufhin erteilt ihm die Vizepräsidentin einen Ordnungsruf.

Diese Szene hat sich genau so schon mehrfach ereignet. Obwohl es laut Roth dazu einen »Beschluss« gebe. Dieser sehe vor, die Präsidentinnen auch als Präsidentinnen anzusprechen.

Doch die Debatte über geschlechtergerechte Sprache polarisiert nicht nur den Bundestag. Der Gender-Stern, das Binnen-I, der Doppelpunkt. Versuche, Sprache inklusiver zu machen, spalten die Gesellschaft.

Laut einer Infratest-Umfrage vom Mai halten 65 Prozent der Bevölkerung nichts von einer stärkeren Berücksichtigung unterschiedlicher Geschlechter in den Medien oder bei öffentlichen Anlässen. Das Thema ist vor allem in den sozialen Medien und Polit-Talkshows ein Dauerbrenner.

Frauen lange sprachlich ausgeklammert

Dabei ist geschlechtergerechte Sprache nicht erst seit wenigen Jahren ein Thema, wie oft von Kritikern suggeriert wird. Eine neue Studie der TU Darmstadt, der HU Berlin und der Universität Duisburg-Essen (»Evolution geschlechter-inklusiver Sprache im Deutschen Bundestag«) zeigt, wie stark sich Sprache insbesondere seit den Achtzigerjahren gewandelt hat.

Die Forschungsgruppe hat hierfür untersucht, wie oft seit der Nachkriegszeit männliche und weibliche Formen in Bundestagsreden vorkommen. Tatsächlich verwenden Abgeordnete nahezu aller Parteien immer mehr weibliche Formen.

Christian Stecker forscht und lehrt an der TU Darmstadt. Gemeinsam mit seinen Kollegen Jochen Müller (Humboldt-Universität zu Berlin), Andreas Blätte und Christoph Leonhardt (beide Universität Duisburg-Essen) hat er alle im Bundestag gehaltenen Reden zwischen 1949 und 2021 untersucht.

Aus…