Die Tour de France ist eine der härtesten sportlichen Prüfungen der Welt. Drei Wochen Ausdauerleistung, gepaart mit extremen Belastungsspitzen im Sprint oder am Berg sowie mit waghalsigen Abfahrten im Gebirge. All das endet nach 3414 Kilometern mit einem Sieg von geradezu spielerischer Leichtigkeit. Tadej Pogacar, das Talent aus Slowenien, gewinnt nicht nur die zweite Tour de France, an der er teilnimmt. Er dominiert sie in einer Art, die Vergleiche mit dem großen Eddy Merckx hervorruft – und zwar von keinem geringeren als dem „Kannibalen des Radsports“ selbst. „Ich sehe in ihm den neuen Kannibalen. Er ist extrem stark. Ich denke, er wird in den kommenden Jahren die Tour mehrmals gewinnen“, sagt Merckx.

Tadej Pogacar beeindruckt. Mit mehr als fünf Minuten Vorsprung erreichte der erst 22-Jährige die Champs-Élyées – eine Dimension, die noch andere Vergleiche hervorruft. Solche Abstände zum Rest kennt man aus der dunklen Ära des Lance Armstrong. Der Amerikaner war der letzte vor Pogacar, der in einer anderen Liga als alle anderen fuhr. Auch Pogacars einziger Moment der Schwäche während dieser Tour de France war eigentlich einer der Stärke: Am Mont Ventoux konnte er kurzzeitig seinem Rivalen Jonas Vingegaard nicht folgen, fuhr das „Loch“ dann aber bergab schnell wieder zu. Den Rest des Rennens kontrollierte er souverän. 

Die Schatten der Vergangenheit

DW-Redakteur Joscha Weber: „Für Pogacar gilt die Unschuldsvermutung, doch es gibt Indizien, die Zweifel schüren“

Überlegenheit ist noch lange keine Basis für ein Urteil, das vergessen viele Beobachter des Radsports. Und es gilt die Unschuldsvermutung. Die Leistungsentwicklung des Slowenen ging in den letzten Jahren kontinuierlich nach oben, schon in den Nachwuchsklassen zeigte er sein außergewöhnliches Talent und setzte seinen Siegeszug bei den Profis dann fort. Zudem fehlten die stärksten Widersacher: Egan Bernal ließ die Tour aus, Primoz Roglic gab nach einem Sturz…