Diese Preisverleihung begann mit einem echten Faux Pas: Der Juryvorsitzende Spike Lee hielt sich vermutlich aus Versehen nicht ans Protokoll und verkündete direkt zu Beginn den Hauptgewinn des Abends.

Über die etwas vorschnelle Ankündigung des US-amerikanischen Regisseurs wurde mit Stil und Humor hinweggesehen, als an diesem Samstagabend die Preise bei den 74. Filmfestspielen im französischen Cannes vergeben wurden, unter ihnen der bedeutendste Filmpreis der Welt: Bei strahlendem Sonnenschein ging die Goldene Palme an die Regisseurin Julia Ducournau. Sie gewann mit ihrem feministischen Horrofilm „Titane“ die begehrte Palme d’Or.

Der Film folgt einer jungen Frau und gesuchten Mörderin, verkörpert vom französischen Model Agathe Rouselle, die den Platz eines jungen Mannes einnimmt und sich dessen Vater annähert, gespielt von Vincent Lindon.

Nichts für Zartbesaitete: Einige Zuschauer sollen bei Vorführungen von „Titane“ ohnmächtig geworden sein

„Titane“, der dem Genre des „Body Horror“ zuzuordnen ist, hatte das Publikum auf dem Festival stark polarisiert. Es ist erst der zweite Spielfilm Ducournaus – und erst das zweite Mal in 74 Jahren, dass die Goldene Palme einer Frau verliehen wird.

Spike Lee verkündete die Gewinnerin mit den Worten: „Jeder braucht im Leben eine zweite Chance. Das hier ist meine. Entschuldigt, dass ich es gerade verpatzt habe.“ Die amerikanische Schauspielerin Sharon Stone übergab die Trophäe an eine sehr bewegte Julia Ducournau.

In ihrer Dankesrede ging die Regisseurin auch auf den Film ein, mit dem sie 2016 in Cannes debütiert hatte – den kannibalistischen Liebesfilm „Raw“ (deutsch: „roh“): „Die Monstrosität, die mein Werk durchzieht, und die einigen Angst macht, ist eine Kraft, die uns erlaubt, Normen zu überwinden.“ Sie wünsche sich eine Welt, die „inklusiver und fluider“ sei. 

Beim Fototermin zu „Titane“ in Cannes: Schauspieler Vincent Lindon (l.), Regisseurin Julia Ducournau (m.) und Model und Schauspielerin Agathe…