Verbietet sich dieser Text? Kommt er zu früh? Noch suchen Rettungskräfte nach Dutzenden Vermissten in den überfluteten Gebieten, ihre Angehörigen bangen um ihr Leben. Andere haben schon schreckliche Gewissheit. Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Textes zählen die Behörden 133 Opfer der Flutkatastrophe, die in den vergangenen Tagen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz heimgesucht hat.

Darf man in dieser Situation schon über Politik reden? Man muss. Wir können spenden für jene, die ihre Existenz verloren haben, wir können mitfühlend denken an die Trauernden, wir können den Helfern und Einsatzkräften dankbar sein – aber das kann nicht alles bleiben. Denn diese Flutkatastrophe ist eine Konsequenz des menschengemachten Klimawandels, daran kann kein Zweifel mehr bestehen. Und deshalb muss sie politische Konsequenzen haben.

Zu spät und im Polohemd

Naturkatastrophen wie diese haben in diesem Land Politiker groß gemacht und Wahlen entschieden. 1962 hat sich der damalige Hamburger Innensenator während der Sturmflut seinen Ruf als kompetenter Krisenmanager erworben, auch deshalb konnte er später das Land überzeugen, ihn zum Bundeskanzler zu machen. 2002 wollte Edmund Stoiber Gerhard Schröder aus dem Kanzleramt vertreiben. Dass ihm das nicht gelingen konnte, war auch die Folge der damaligen Flutkatastrophe in Ostdeutschland: Schröder präsentierte sich schnell als Krisenkanzler in Gummistiefeln, Edmund Stoiber blieb zunächst fern, weil er im Urlaub weilte. Und erschien dann im hellblauen Polohemd.

In der Krise, das ist ein gern gebrauchter Satz in politischen Analysen, schlägt die Stunde der Exekutive. Wer als Kanzler oder Ministerpräsidentin in der Position ist, Einsatzkräfte zu schicken, Soforthilfen aufzulegen und Orden an verdiente Retter zu verteilen, erwirbt sich Respekt in der Öffentlichkeit – oder Verachtung, wenn das Management versagt. Niemals wird jemand fragen, warum sich ein Volksvertreter, eine gewählte Repräsentantin im Krisengebiet vor…