Die Guten und die Bösen: Auf diesen moralischen Dualismus läuft es im Restdiskurs, den sich diese Gesellschaft noch zutraut, letztlich hinaus. Diese Vorstellung stellt einen intellektuellen Offenbarungseid dar und beleidigt die Intelligenz denkender Wesen.

Ein Kommentar von Roberto de Lapuente.

Neulich war ich mit dem Fahrrad unterwegs. Raus aus Frankfurt, rein nach Offenbach. Diese Animositäten, die Frankfurter und Offenbacher im Umgang mit ihrer jeweiligen Nachbarstadt hegen, verstehe ich als Zugereister nicht. Beide Städte sehen beinahe gleich aus. Jedenfalls war ich gerade auf dem Rückweg nach Frankfurt, überquerte den Main und las auf dem steilsten Brückenabschnitt, mehrfach auf den Boden gesprayt: »Hanau war kein Einzelfall.« Da ich gerade im Begriff war, die anaerobe Schwelle zu überschreiten, blitzten meine Gedanken nur lose auf. Kurz vorher gab es das Messerattentat von Würzburg – und ich dachte mir in dieser Phase strampelnder Anstrengung: Stimmt, kein Einzelfall.

Später habe ich mich gefragt, ob ich das so einordnen kann. War Hanau nicht was anderes als Würzburg? Aber Amokläufe gleichen sich ja nie im Ablauf – nur in dem, was sie bewirken. Darf man eine Attacke eines Mannes, der als rechtslastig gelabelt wurde mit der Tat eines Asylbewerbers vergleichen? Ich bin nur sehr bedingt der Ansicht, dass der Hanauer ein Rechtsextremist war. Meinen Standpunkt hatte ich schon mal klargemacht. Aber warum sollte man beides nicht nebeneinander stellen dürfen? Weil die Moral im Lande dies säuberlich trennt?

Vereinfachungen wohin man schaut

Ich bin doch ohnehin der Ansicht, dass der herrschende Moralismus, diese Lehre vom Guten und dem Bösen, keine geeignetes Instrument zur Analyse darstellt. Moral ist ein spannender philosophischer Teilbereich. Man braucht sie sicherlich auch im persönlichen Alltag. Als Kompass. Und als Richtschnur. Aber als rigoroser Wegweiser und Richtungsgeber wird sie überschätzt – jedenfalls…