Am Ende der Pressekonferenz im East Room im Weißen Haus, es ist nach deutscher Zeit bereits kurz vor Mitternacht und die Erschöpfung hat erste Zeichen in das Gesicht der Kanzlerin gezeichnet, nimmt Joe Biden die schwarze Redemappe vom Stehpult, klappt sie zu und schickt sich an, zu gehen.

Doch Angela Merkel, die neben ihm steht, hindert ihn: Sie hört nicht auf zu sprechen.

Es geht um das coronabedingte US-Einreiseverbot für Bürgerinnen und Bürger europäischer Staaten, das seit mehr als einem Jahr gilt. Eine Journalistin hatte danach gefragt und Joe Biden geantwortet: »Die Frage war, wie schnell wir es aufheben können. Ich werde Ihnen in den nächsten Tagen eine Antwort liefern können.«

Jetzt aber will auch Merkel dazu noch etwas sagen, die Journalistin hatte sie ebenfalls gefragt. »Wir haben auch darüber gesprochen, dass so eine Entscheidung natürlich möglichst nachhaltig sein sollte«, sagt die Kanzlerin. »Es nützt nichts, etwas für ein paar Tage zu entscheiden und die Entscheidung dann wieder zurückzunehmen.«

Biden steht mit stoischer Miene daneben.

Merkel weist auf die Gefahr der Deltavariante hin, die in beiden Ländern stark zunehme. Diese stelle alle, sagt die Kanzlerin, »natürlich noch einmal vor neue Herausforderungen«.

Nun tritt Biden ans Mikrofon.

»Frau Bundeskanzlerin, Sie waren ja schon mehrfach hier. Ich weiß, dass wir das Essen nicht verpassen werden.« So sammelt auch Merkel ihre Zettel zusammen und folgt dem Präsidenten nach draußen.

Nostalgische Momente? Kein Platz

Wer die Kanzlerin auf dieser kurzen Reise in die USA begleitet, gewinnt nicht den Eindruck, es könnte sich um eine Regierungschefin handeln, die nach 16 Jahren demnächst ihr Amt aufgibt. Diese 508. Auslandsreise ist nicht viel anders als die 507 zuvor: Ein Arbeitsbesuch, mit dem Ziel, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit erledigen.

Für nostalgische Momente ist kein Platz und Emotionen zu zeigen, das gehört ohnehin nicht zu Merkels Repertoire. Fragt man sie…