Dass eine persönliche Begegnung mit Ayelet Gundar-Goshen im Therapieraum stattfindet, ist nur folgerichtig. In all ihren Romanen führt die Schriftstellerin ihre Leser an Orte der menschlichen Psyche, an denen es schmerzt. Beim Lesen ihrer Romane legt man sich gewissermaßen auf ihre Couch und stellt sich Fragen wie diese: Wie würde ich handeln, wenn ich einen Flüchtling überfahren hätte? Ist Rache legitim? Oder auch: Wie gut kenne ich meine eigenen Kinder? Wozu sind sie fähig?

Ayelet Gundar-Goshen arbeitet als Psychotherapeutin in Tel Aviv. Und scheinbar ganz nebenbei schreibt sie Bücher. Mittlerweile hat die Ende-30-Jährige vier Romane veröffentlicht – alle mit großem Erfolg in mehreren Sprachen.

Im Zentrum ihres neuen Romans „Wo der Wolf lauert“ steht die Israelin Lilach, die mit ihrem Mann und Sohn seit dessen Geburt in den USA lebt. Mittlerweile ist Adam ein Teenager, doch richtige Amerikaner sind die Schusters immer noch nicht.

So sehr Lilach sich wünscht, ihre israelische Identität abzulegen, es gelingt ihr nicht. Das wird umso offensichtlicher als sich in der Synagoge von Palo Alto, wo die Familie lebt, ein Anschlag ereignet. Ein Mädchen – ungefähr so alt wie Adam – wird getötet. Nach der antisemitischen Tat gründet ein anderer Israeli aus der Nachbarschaft eine Selbstverteidigungsgruppe, die für Adam – bis dahin ein schüchterner, unsportlicher Junge – zur totalen Identifikation wird. Plötzlich sieht er sich vor allem als Israeli und als Jude, der sich gegen mögliche Angriffe wehren will. Seine Mutter erkennt ihn kaum wieder.

Ist mein Kind glücklich? Und: Macht es andere glücklich?

„Ich glaube unsere Kinder sind für uns als Eltern das größte Mysterium. Ich glaube, wir sehen unsere Kinder durch einen Schleier der Liebe, der den Blick auf die Realität verstellt“, sagt Gundar-Goshen. „Früher wollte man ein gutes Kind erziehen. Vielleicht einen guten Kommunisten, einen guten Kibbutzbewohner, oder auch einen guten Faschisten oder Nazi….