„Dear Life“ („Liebes Leben“) hat Alice Munro ihren vermutlich letzten Erzählband 2012 genannt. Zum Teil sind es autobiographische Schilderungen, mit denen die Autorin in die Abgründe der eigenen Biografie blickt. In anderen geht es um die Schicksale von Frauen, doch ohne feministisch zu wirken. Insgesamt 13 Bücher mit Kurzgeschichten und einen Romanversuch hatte Alice Munro geschrieben, bevor sie 2013 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde – als erste Kanadierin überhaupt. Die Reise nach Stockholm konnte sie nicht antreten. Dafür schickte sie eine berührende Videobotschaft.

Munros Geschichten kreisen stets um ähnliche Themen: Es geht um Frauen in der kanadischen Provinz – um Mütter und Töchter -, die erwachsen werden, sich verlieben und die schönen und tragischen Seiten des Lebens kennenlernen. „Munro schreibt über ungelöste Sehnsüchte, die man sein Leben lang mit sich herumträgt, und über den Umgang damit.

Es sind die kleinen Dinge, die sie groß macht“, so der ehemalige Lektor Hans-Jürgen Balmes vom Verlag S. Fischer, der Munros Bücher in Deutschland vertreibt. „Ihre Kunst besteht darin, dass sie ein ganzes Menschenleben auf einer Buchseite unterbringen kann“, lobte die Literaturkritikerin Siegrid Löffler Munro einmal im Gespräch mit der Deutschen Welle. „Ihre Erzählungen, die oft nicht über mehr als 20 bis 30 Seiten verfügen, füllt sie mit mehr Leben als andere auf 700 Seiten.“

Auch in Deutschland sehr beliebt

In Kanada und Großbritannien sind ihrer Bücher schon lange Bestseller. In Deutschland verhalf ihr der Nobelpreis schlagartig zu großer Beliebtheit. Zu schreiben begann Munro relativ spät. Sie zog erst ihre drei Kinder groß, bevor sie sich Ende der 1960er-Jahre im Alter von 40 Jahren voll und ganz dem Schreiben widmete. Ihre Short Stories erreichen eine hohe emotionale Dichte und zeichnen sich durch sprachlichen Feinschliff aus. Eine Munro-Geschichte beginnt oft an einer unerwarteten Stelle. Anschließend entwickelt sich die…