Marcel Proust ist ein Stück europäische Kultur, sein Werk kreist um den Prozess des Sich-Erinnerns: Was erinnern wir, wann erinnern wir, wie erinnern wir? Und wie verändert sich die Erinnerung? „A la recherche du temps perdu“ (dt. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit)“, kurz „La Recherche“ ist Marcel Prousts Hauptwerk. Es umfasst sieben Bände und über 4000 Seiten. Proust nähert sich darin dem Erinnern mittels einer fiktiven Autobiografie.

Unlesbar?

Als ein Nationalheiligtum Frankreichs sei „La Recherche“ auch ein „Zitat der sperrigen Lektüre“ geworden, sagt Ulrike Sprenger, Professorin für Romanische Literaturen und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie hat mit dem „Proust-ABC“, das 1997 erstmalig beim Verlag Reclam erschien und jetzt neu aufgelegt und erweitert wurde, eine Einladung in die Proust’sche Welt geschaffen.

Marcel Proust als Wachsfigur im Chateu de Breteuil: Dieses Zimmer bewohnte er bei einem Besuch

Wer Proust liest, erwirbt bildungsbürgerliche Lorbeeren, zugleich gilt sein Werk als Sinnbild kaum zu bewältigender Literatur. Schon die britische Komikergruppe Monty Python arbeitete sich an Proust ab: In einem Sketch von 1972 wird ein Wettbewerb ausgerichtet, bei dem die Teilnehmenden sein Werk in 15 Sekunden zusammenfassen sollen. Natürlich ist niemand der Aufgabe gewachsen, am Schluss gewinnt „das Mädchen mit den größten Brüsten“.

Ein Wälzer mit Botschaft

Proust, der Inbegriff unverständlicher Lektüre? „Zuletzt begegnete er mir im Guardian (englische Tageszeitung, Anmerk. d. Red.) als Kommentar zum Lockdown“, berichtet Ulrike Sprenger. „‚They can lock me down, but they can not make me read Proust‘ (‚Sie können einen Lockdown verhängen, aber sie können mich nicht zwingen, Proust zu lesen‘) hieß es da.“

Proust habe die Stilisierung zum Denkmal nicht gewollt, sagt die Proust-Expertin. „Es geht ihm darum, eine Anleitung zu geben, das eigene Leben zu entdecken. Zu sehen, wie die Erinnerung funktioniert,…