SPIEGEL: Herr Rink, ob Stuttgart, Düsseldorf, Hannover oder Bremen: Einige deutsche Großstädte sind 2020 geschrumpft. Sogar im sonst boomenden Berlin stagnierte die Einwohnerzahl. Woran liegt das?

Rink: Die Coronapandemie hat die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland insgesamt verändert. Im vergangenen Jahr ist die Einwohnerzahl erstmals seit 2011 nicht gewachsen, sondern stagnierte bei 83,2 Millionen Menschen. Mit Blick auf das Wanderungsgeschehen zeigt sich, dass die Zuzüge in den 15 von uns untersuchten Städten um durchschnittlich 17 Prozent eingebrochen sind. In München, Nürnberg, Stuttgart, Frankfurt am Main und Bremen etwa sind 2020 zwischen 18 und 21 Prozent weniger Menschen in die Stadt gezogen, in Duisburg waren es sogar rund 34 Prozent.

SPIEGEL: Liegt das nur an den Auswirkungen der Coronapandemie?

Rink: Die Pandemie ist ein wichtiger Grund. Im Lockdown waren weniger Menschen veranlasst, in die Stadt zu ziehen – das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Viele Erwerbstätige haben festgestellt, dass die Arbeit im Homeoffice gut funktioniert. Um zwei-, dreimal pro Woche ins Büro zu fahren, müssen sie nicht zwangsläufig in der Stadt wohnen. Das erhöht die Attraktivität des Umlands, vor allem auch für Familien. Es ist wahrscheinlich, dass der Effekt längerfristig anhält.

SPIEGEL: Welche weiteren Ursachen stellen Sie fest?

Rink: Die Geburtenrate ist im vergangenen Jahr zurückgegangen. Der vermutete Babyboom der »Coronials« ist zumindest nach dem ersten Lockdown im März ausgeblieben. Hinzu kommen die steigenden Sterbefälle durch Corona. Höhere Sterberaten beobachten wir vor allem im Süden und im Osten der Bundesrepublik, darunter in Dresden, Mittelfranken, im Rhein-Main-Gebiet und München.

SPIEGEL: Inwiefern sorgen auch die Wohnungspreise dafür, dass weniger Leute in die Großstädte ziehen?

Rink: Die Zuzüge der vergangenen zehn Jahre haben zum teilweise starken Wachstum der Miet- und Kaufpreise in deutschen Großstädten beigetragen. Als…