1. Aussicht

Der britische Premier Boris Johnson hat eine Ansprache gehalten, gestern Abend schon. Es war keine »Blut, Schweiß und Dänen«-Rede, auch wenn England morgen im EM-Halbfinale gegen Dänemark antritt, sondern ein »Mit dem Virus leben«-Aufruf. Ein Versprechen, dass die Corona-Maßnahmen in zwei Wochen ein Ende haben werden: Den 19. Juli erklärte Johnson zum »Tag der Freiheit«. Abstandsregeln, Maskenpflicht, alles ganz bald vorbei. (Ein Video hier.)

Moment mal, wütet nicht gerade die Delta-Variante in Großbritannien? Steigen die Zahlen nicht rasant? Infizieren sich nicht gerade täglich 30.000 Leute? Doch, das sagt auch Johnson. Er rechne sogar mit bis zu 50.000 Infizierten pro Tag. Dennoch ist seine Devise: wann, wenn nicht jetzt? »In den kommenden Wochen werden uns der Sommer und die Schulferien helfen – wenn wir unsere Gesellschaft jetzt nicht wieder öffnen, wann wollen wir dann jemals zur Normalität zurückkehren?«, fragt der Premier.

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Premier und Bruder: Johnson&Johnson wirken in Großbritannien

Foto: imago images / Parsons Media

»Covid-19 ist im Vereinigten Königreich schon seit Längerem nur noch eine Todesart unter vielen«, berichtet mein Kollege Jörg Schindler, unser Korrespondent in London. Er hat bei der nationalen Statistikbehörde nachgeschaut, demnach starben etwa im Mai insgesamt 35.401 Menschen im Land:

»Covid-19 rangierte auf dieser Liste mit 355 Todesfällen auf Platz 24«, schreibt Jörg. Die Lage habe sich durch die Impfkampagne geändert: »Die Gleichung höhere Infektionszahlen = mehr Todesfälle geht nach jetzigem Stand nicht mehr auf.« Aber es bleibt ein Wagnis: Johnsons eigene Berater sehen »erhebliche Risiken« und warnen vor neuen aggressiveren Varianten, die entstehen könnten. Eine Hintertür hält sich der Premier offen: »Wir werden alles dafür tun, um weitere Restriktionen in Zukunft zu verhindern.« Heißt: Vielleicht werden sie trotzdem irgendwann wieder nötig.

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